Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 7. (1954) – Festgabe zur Hundertjahrfeier des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung
REGELE, Oskar: Die Schuld des Grafen Reinhard Wilhelm von Neipperg am Belgrader Frieden 1739 und an der Niederlage bei Mollwitz 1741
Die Schuld des Grafen Neipperg am Belgrader Frieden 395 Graf Neipperg anstatt 15.000 Mann 30.000 anfangs gehabt, so würde vermutlich der Krieg mit Preußen bald zu Ende gewesen ..Die junge Herrscherin kritisierte lebhaft ihre Minister und was insbesondere den Kanzler des Königreiches Böhmen, Graf Philipp Kinsky, betraf, der Kheven- hüller als Oberkommandanten ablehnte, da dieser in seinen an Böhmen gestellten Büstungsforderungen unnachgiebig war, führt A r n e t h die Entrüstung Maria Theresias an, die sich in den Worten Luft machte: „ ... bis K i n s k y gekommen, der mit selbsten mit bester Meynung so irr und in solche Unruhen und Confusionen geworffen, dass aus dieser Tran- quilität völlig gekommen und viel chagrin mir zugezogen“ ... „Überhaupt war an denen fürgekehrten kaltsinnigen und lauen Defensions-Veranstal- tungen ... der Böhmische Obrist-Cantzler Kinsky schuldig: welcher sich besonders zu Gemüth gezogen und bey mir geltend gemacht, weil solches nicht in Abrede zu stellen war, dass die Böhmen von denen Österreichern allezeit auf die Seiten gehalten werden: Wie Er dann auch ... nicht zugeben wollte, dass allzu viele Trouppen selbe überschwemmten, allezeit in der Idee, dass man von Preussen noch wohl Meister werden könnte; zumahlen der March deren schwachen Eegimentern, die an der Türckisch- und Siebenbürgischen Granitz gelegen, sehr langsam vor sich gienge, wie in gleichen die Vorsehungen in denen Ländern sehr kaltsinnig waren“ 72). Auch dem Grafen Sinzendorf wurde eine Lektion erteilt. Wir kennen seine Tätigkeit im Zusammenhänge mit dem Belgrader Frieden, von ihm sagt Kretschmayr73): „Er war nun (1740) müde geworden, starker Entschlüsse nicht mehr fähig, jedem Kompromiß zugetan, hielt die Fäden nicht mehr in den Händen, sie liefen an ihm vorbei.“ Betrübt stellte Maria Theresia fest: „Dieses Königs süsse Worte und kräfftigste Versprechungen machten so gar meine Ministres irre, massen man nicht glauben konnte, noch wollte, daß der König in Preußen feindlich agiren würde. Dieses von denen Ministris, besonders Sintzendorff, hegende Vertrauen, dann meine Unerfahrenheit und guter Glauben waren Ursach, dass die Defensions-Veramstaltungen in Schlesien, nicht minder die Nach- ruckung derer nächstgelegenen Regimentern grösstenteils negligiret, an- durch aber dem König in Preussen freye Hand gelassen wurde, das Herzogtum Schlesien sich binnen 6 Wochen zu bemächtigen“ 74). Überblickt man nun die Voraussetzungen, unter denen Neipperg das Kommando in Schlesien zu führen hatte, überrascht es nicht mehr, daß der Oberbefehlshaber den Beginn der Operationen immer wieder hinauszuschieben trachtete, denn er wußte als Fachmann, daß es nichts Böseres im Kriege geben könne, als zu hazardieren. Dem Drängen der Außenpolitik mußte er sich aber schließlich beugen und zum Angriff schreiten. Zu der 73) Arneth „Zwei Denkschriften ...“, S. 290 f. 73) „Maria Theresia“, S. 28. 74) Arneth „Zwei Denkschriften ...“, S. 288.