Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 7. (1954) – Festgabe zur Hundertjahrfeier des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung
BENNA, Anna Hedwig: Studien zum Kultusprotektorat Österreich-Ungarns in Albanien im Zeitalter des Imperialismus (1888–1918)
26 Anna Hedwig Benna persönlich die Versicherung erhielt, die conditio sine qua non für den Abschluß eines Konkordates mit der Türkei sei nach wie vor die Anerkennung des Schutzrechtes Österreich-Ungarns in Albanien73), wurde die Stimmung in Wien für den Konkordatsplan immer ungünstiger. Die Wiener Regierung war mit dem Entwurf unzufrieden und Revertera machte Rampolla schwere Vorwürfe, daß er es unterlassen habe mit Kálnoky zu verhandeln, bevor die Verhandlungen mit der Türkei einsetzten. Rampolla legte Revertera einen Bericht des Wiener Nuntius Msgr. Galimberti vor, aus dem man in Rom den Eindruck gewinnen mußte, der Minister des Äußeren wäre grundsätzlich mit dem Konkordat einverstanden und hätte nur den Wunsch geäußert, daß an dem Kultusprotektorat Österreich-Ungarns nicht gerüttelt werde. Der Kardinalstaatssekretär, der seinerseits ebenso wie der Papst selbst nicht daran dachte das Schutzrecht Österreich-Ungarns anzutasten, gewährte Revertera Einsicht in die Berichterstattung Msgr. Galimbertis. Der Wiener Nuntius berichtete an sich keine Unwahrheiten, er unterstrich das, was der Staatssekretär gerne hören wollte, und glitt über die Bedenken Kálnokys leicht hinweg. Revertera warf nun seinerseits Rampolla vor, es unterlassen zu haben, die Hierarchie in Albanien mit dem Konkordatsprojekt bekannt gemacht zu haben. Der Besuch des Erzbischofs von Skutari, Msgr. Guerini, hätte zu einer derartigen informativen Besprechung die beste Gelegenheit geboten. Rampolla erklärte, die Propaganda für derartige Informationen nicht für zuständig, was Revertera aus der Ruhe brachte. Rampolla war dagegen überzeugt, es sei offenbar beabsichtigt, ihn zum Sündenbock für alles zu machen, was geschieht. Gewiß, lautete Reverteras Erwiderung, ist ein Minister des Äußeren den fremden Regierungen gegenüber der Vertreter oder wenn ihm das Wort lieber ist, der Sündenbock der eigenen Politik. Wie sich der Staatssekretär mit der Propaganda auseinandersetzt, das ist seine Sache. Die Verantwortung für politische Akte des Heiligen Stuhls abzulehnen und die Diplomatie von Pontius zu Pilatus zu schicken, wäre nach meiner Ansicht unzulässig 74). Die Verhandlungen zwischen dem Staatssekretariat und dem Ballhausplatz waren auf einem Punkt angelangt, der zu keinen besonderen Hoffnungen für einen erfolgreichen Abschluß eines Konkordats mit der Türkei Anlaß gab. Dazu kam noch der Gegensatz der Mächtegruppierungen, Rampolla stand auf Seiten Frankreichs im Lager der Gegner der Tripleallianz75). In der Türkei war das Interesse der maßgebenden Regierungskreise an dem Abschluß eines Konkordats erlahmt. Die Aktivität Msgr. Azarians hatte auf einen Wink Rampollas hin nachgelassen76). Djewad Pascha versicherte Calice, es sei ein Fehler gewesen, sich nicht vor Beginn der Verhandlungen mit den 73) PA XII, 234. Bericht Revertera, Rom V, 23, 1892 Juli 26; 24, 1892 Juli 31. 7■*) Ebenda, Bericht Revertera, Rom V, 25 A—D, 1892 August 5. 75) Ebenda, Bericht Revertera, Rom V, 26 A—D, 1892 August 9. 76) Ebenda, Bericht Calice, Konstantinopel, 41 C, 1892 August 1.