Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 7. (1954) – Festgabe zur Hundertjahrfeier des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung
BENNA, Anna Hedwig: Studien zum Kultusprotektorat Österreich-Ungarns in Albanien im Zeitalter des Imperialismus (1888–1918)
24 Anna Hedwig Benna begegnete Rampolla damit, daß er in Aussicht stellte, das Konkordat selbst unter österreichisch-ungarischen Schutz stellen zu wollen, so daß die k. u. k. Regierung jederzeit in der Lage wäre, auf die genaue Erfüllung der vertraglichen Rechte zu dringen58). Revertera begrüßte diesen Plan nicht besonders zustimmend, er gab vielmehr Rampolla den Rat, mit der Regierung in Wien in Verbindung zu treten, bevor er sich auf die gefährliche Bahn von Unterhandlungen mit der Pforte weiterwagte. Halten Sie sich immer gegenwärtig, daß wir in der Vertheidigung des k. u. k. Protektorats mit Frankreich 59 60 ) auf einer Linie stehen zmd kein Zugeständnis machen werden, das nicht auch die französische Regierung machen will oder zu machen genöthigt wird. Haben Sie den Muth das zu wagen, da wird Ihnen die Regierung S. M. gewiß nicht hinderlich sein. Ein Experiment in Albanien zu machen, dessen Mißlingen verderblich wäre, ohne daß im Falle des Gelingens auf ein Entgegenkommen Frankreichs gerechnet werden könnte, dazu Vierden Sie unsere Zustimmung nicht erhalten. An unserem Widerstande müßte die Sache scheitern m). Hinsichtlich der Aufrechterhaltung des Kultusprotektorates stimmten Kálnoky und Revertera überein, wenn auch die Sprache des Ministers des Äußeren weniger scharf klang als die seines Botschafters. Kálnoky unterstrich seine Bereitschaft alles zu fördern, was die gesetzliche Stellung der Katholiken und der katholischen Kirche zu verbessern und zu regeln geeignet sei, er war sogar bereit, auf eine rein spezielle Regelung der Lage der katholischen Kirche in Albanien einzugehen61), er erklärte, davon könne nicht die Rede sein, daß Österreich- Ungarn es dem Heiligen Stuhl verüble, sich in Unterhandlungen für einen guten Zweck eingelassen zu haben, auch wenn der Unterhändler nichts Weniger als vertrauenserweckend sei62), und auch davon nicht, Österreich- Ungarn wolle ein derartiges Konkordat verhindern oder auf Kosten der Kirche seine politische Stellung in Albanien festigen. Der Heilige Stuhl könne gegenwärtig im Orient nur dann eine Autorität haben, wenn man weiß, daß eine Großmacht hinter ihm steht. Darum halte ich jede Abmachung zwischen Rom und Konstantinopel für illusorisch, wenn nicht auf Basis des vertragsmäßigen Schutzrechtes den eventuellen Vereinbarungen über die gesetzliche Stellung der katholischen Kirche in der Türkei die Sicherstellung durch eine Großmacht geivährleistet wird63). Revertera, der vermutete, man würde das Scheitern der Konkordatsverhandlungen am ehesten Österreich-Ungarn und am allerwenigsten der Türkei oder Frankreich 58) Ebenda, Bericht Revertera, Rom V, 15 A—G, 1892 Mai 29. 59) Vgl. unten S. 30. 60) Ebenda, Anm. 58. 61) Ebenda, Weisungen an Revertera (Rom V), 1892 Juni 3; 1, 1892 Juni 22; 2, 1892 Juni 22. 82) Ebenda, Weisungen an Revertera (Rom V), 1, 1892 Juni 22. 6H Ebenda, Weisung an Revertera (Rom V), 2, 1892 Juni 22.