Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 6. (1953)

BENEDIKT, Heinrich: † Egon Caesar Conte Corti alle Catene

Egon Caesar Conte Corti alle Catene 545 nicht mehr seinem obersten Kriegsherrn dienen, so wollte er sein Leben dem Andenken einer versunkenen Zeit widmen, da Österreich eine Groß­macht war. Seine erste, aus seiner Wiener Dissertation hervorgegangene Publi­kation ist das später in bereicherter Neubearbeitung erschienene Leben Alexanders von Battenberg. Hier liefert er durch die Erschließung des Nachlasses des Fürsten und Verwertung der Papiere des Ministers Luigi Corti einen Beitrag zur europäischen Geschichte der 70er und 80er Jahre. Bulgarien bildete die große Frage des Berliner Kongresses und blieb in den nächsten Jahren der Brennpunkt der Weltpolitik. In dieser, seiner ersten Arbeit beschreitet er bereits den geraden Weg, von dem er nie ab­wich. In allen seinen der Forschung dienenden Arbeiten bietet er den Urstoff in leicht lesbarer, jedem verständlicher Fassung. Immer bleibt er Forscher, immer speist er den Fluß der Erzählung mit frischen, oft mit der Wünschelrute, die niemand wie er zu meistern wußte, entdeckten Quellen. Mit dieser Eigenart gewann er einen weiten, treuen Leserkreis und zugleich einen Kreis Geschichtsbeflissener, die in seinen Büchern authentische Belege für vieles, was sie suchen, finden. In allen seinen größeren Arbeiten ist das gesamte Europa sein For­schungsgebiet. Der einstige Dragoneroffizier findet auf seinen Rekognos­zierungsritten immer neue Beobachtungsstände, von denen aus er den Erd­teil übei'blickt. Er hat die Welt von Sofia, London, Berlin und Brüssel, von St. Petersburg, Wien, Paris und München aus besehen, war an Zaren-, Königs- und Fürstenhöfen zu Gast, stieg zur „zweiten Gesellschaft“ herab, um in den Kontors der Rothschild zu Frankfurt, London, Paris, Wien und Neapel die Macht der hohen Finanz zu ergründen, bereicherte seine Men­schenkenntnis an den Spieltischen von Homburg und Monte-Carlo, drang in die mit dem Spiel der großen Mächte verwobene Tragödie Maximilians von Mexiko und rang dem Tabak ein Stück Kulturgeschichte ab. Bei aller Vielseitigkeit, hinter all seinen Gestalten, hinter dem Battenberger, dem Märtyrer von Queretaro, dem ersten König der Belgier, den Zaren, Franz Joseph und Elisabeth, den Brüdern Blanc und den Rothschild, auch hinter den Schönheitsgalerien Ludwigs I. und Metternichs steht — heute ein Torso — die Göttin Europa, in deren Vergangenheit, da sie noch alle Glieder besaß, er lebte. Zu der besonderen Gabe, verborgene Quellen zu finden, gesellte sich das Vertrauen, das ihm von Besitzern wohl gehüteter Schriften entgegen­gebracht wurde, er werde sie in der in seinem Wesen liegenden vornehmen Weise verwerten. Um nur die wichtigsten Dokumente zu nennen, die noch nie oder nur sehr beschränkt zugänglich waren oder, obwohl zugänglich, erst von ihm ausgiebig verwertet wurden, seien die Briefe der Erzherzogin Sophie an ihre Mutter und ihre Tagebücher genannt, die das so arg ver- zeichnete Bild der Kaisermutter richtigstellen, die Dokumente des Schloß­archivs zu Plass, die Corti ermöglichten, Srbiks Metternichmonument zu ergänzen, der Nachlaß des Grafen Franz Crenneville und die zweihundert­vierzig Bände von Hübners Tagebuch, verwertet in der Franz Joseph-Bio­graphie, das Meranarchiv mit dem vierzig Jahre währenden Briefwechsel Erzherzogs Johann mit dem König der Belgier, das von Corti zum ersten­Mitteilungen, Band 6 35

Next

/
Thumbnails
Contents