Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 6. (1953)

NECK, Rudolf: Zeitgeschichtliche Literatur über Österreich

Rezensionen 515 klassifiziert, eine gewisse, allem Anschein nach ressentimentbedingte Animosität. Eine objektive Betrachtung könnte etwa niemals die Abschaf­fung dieser Monarchien nur aus den — in einem gewissen Maße sicher vorhandenen — Fehlern und Rückständigkeiten der hier erwachsenen Form der Monarchie selbst erklären wollen. Wie passen dazu die Feststellungen, daß man der Monarchie, „die noch vor nicht allzu langer Zeit im Mittelpunkt menschlicher Verehrung stand und mit anscheinend ewiger Geltung ausgestattet war“, „nur gerecht wer­den“ kann, „wenn man ... in Jahrhunderten denkt“ (S. 149), oder, „daß es im Bereich des Politischen keine Zauberformeln gibt, die überall hel­fen?“ Daß L. im Leser die Erkenntnis fördern will, „daß die Monarchie . .. so sehr auf die Bedingungen des einzelnen Landes abgestellt“ ist, „daß ihre gedankenlose oder rein gefühlsmäßige Übernahme in andere Länder, wo diese Bedingungen eben nicht vorliegen, nicht anzuraten ist“ ? (S. 150 f.). Die Formen der Monarchie auf dem europäischen Festland sind ebenso organisch erwachsen wie in Nordwesteuropa, und die Entmachtung oder „Verbürgerlichung“ der dortigen Monarchen ist nur eine Modifikation des Zurückweichens des monarchischen Prinzips vor den demokratischen Orga- nisationsformen, wie es überall in der von der europäischen Zivilisation bestimmten Welt zu beobachten ist. Wenn L., wenig genug, den tieferen Ursachen der Krise der Monarchie in unseren Tagen nachgeht, tut er es in einseitiger Weise, wie etwa fol­gende Zeilen zeigen mögen: „Was in der Vergangenheit die Masse des Volkes veranlaßte, die Monarchie widerspruchslos als die „natürliche“ Re­gierungsform hinzunehmen, war ihr jenseitig-göttlicher Existenzgrund . .. Davon kann natürlich in unserer Zeit keine Rede mehr sein. Die Natur­wissenschaft hat die Welt entzaubert und damit die Religion untergraben; wer an die Evolution glaubt, verwirft den biblischen Schöpfungsakt ... Schon gar in einer demokratischen Welt, wo Gevatter Schuster, Schneider und Handschuhmacher Könige sind, ist für die politische Magie kein Raum mehr. Völlig schattenhaft geworden ist damit die religiöse Grundlage der Monarchie, einst ihr stärkstes Element. Die ebenso vielbeklagte wie offen­bar unabänderliche Aushöhlung der religiösen Werte ... macht eine gött­liche Rechtfertigung der Monarchie unmöglich“ (S. 73). Die hier apostro­phierte Magie des Fortschrittsglaubens ist jedoch die stärkste Stütze der L. zweifellos verhaßten modernen totalitären Staaten und ihrer Diktatoren. In der Erzählung verschiedener Episoden aus der Monarchengeschichte unserer Tage — etwa der Abdankung Eduards VIII. in Großbritannien oder Leopolds III. in Belgien — oder in dem Kapitel „Über die Restauration der Monarchie“ trifft L. viele richtige Feststellungen und findet kluge politische Formulierungen. Das Buch ist jedoch nicht frei von Fehlern (etwa S. 16 f.: ,in den mittelasiatischen Randgebieten der Sowjetunion ..., wie Kaschmir, Nepal, Buthan oder gar Tibet“, oder S. 130: „Nancy ... wo die Lothringer Habsburger (!) ihr Erbbegräbnis haben“) und reich an unsachlichen Urteilen über die deutschen Herrscherhäuser, besonders die Habsburger; dazu nur ein Beispiel: S. 144 folgt nach einem Zitat aus Treitschke über die Habsburger: „Welches Unglück für sein Land und Europa war der bigotte, engstirnige, ungebildete Kaiser Franz Josef, 33*

Next

/
Thumbnails
Contents