Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv

438 Literaturberichte hinein verzichtet; er betrachtet die Ereignisse der letzten 80 Jahre vom Standpunkt eines weltanschaulich abendländisch-katholisch eingestellten Deutschen böhmischer Abkunft, der sich politisch zu dem Gedanken des europäischen Zusammenschlusses bekennt, der als sinngebendes Ziel hinter der Fülle der einzelnen Fakten immer wieder transparent gemacht wird. Aus diesem Grunde kann von einer wissenschaftlichen Kritik an einer Dar­stellung speziell des Schicksals der Sudetendeutschen und des deutschen Volkes im allgemeinen in der jüngsten Vergangenheit abgesehen werden, die allzusehr übersieht, in welchem Ausmaß dieses durch die Nationalitäten­politik des Nationalsozialismus und der mit ihm eng koordinierten politi­schen Führer der deutschen Minderheiten provoziert wurde. In der Auf­fassung des letzten Drittels des 19. und des Beginns des 20. Jahrhunderts jedoch bekundet der Verfasser ein ernstes Streben nach Objektivität, das in der Schilderung der Polarität der selbstsicheren, saturierten Fassade einerseits und der im Hintergrund wirkenden neuen Ideen und Bewegungen andererseits sich erfolgreich durchgesetzt hat. Die Gliederung des Stoffes erfolgt in drei Teile: „Die Führung der Welt durch die europäischen Großmächte 1871—1898 (Die Vollendung des materialistisch-positivistischen Weltbildes)“, „Die Erschütterung der euro­päischen Vorherrschaft in der Welt 1898—1917 (Das Werden eines neuen Weltbildes)“, „Der Beginn des globalen Zeitalters (Die Welt zwischen Freiheit und Zwang)“. Den eigentlich epochalen Einschnitt sieht der Ver­fasser im Jahre 1917 (Eintritt der USA in den 1. Weltkrieg, russische Revolution); demgegenüber rücken die ersten beiden Abschnitte näher zusammen, nur kündigt sich im zweiten Abschnitt das Werden des „glo­balen Zeitalters“ schon stärker an. In jedem der drei Abschnitte versucht F. durch einen Querschnitt durch die geistig-kulturellen, gesellschaftlich-wirtschaftlichen und politischen Er­scheinungen das Wesen der Epoche zu charakterisieren; er beweist dabei eine achtenswerte Kenntnis der Entwicklung der mannigfaltigsten Wissens­gebiete (Theologie und Philosophie, Geschichte, Literatur, Musik, Malerei, bildende Kunst, Medizin, Naturwissenschaften, technische und Wirtschafts­wissenschaften, Soziologie), ist aber in dem gegebenen Umfang seines Werkes nicht imstande, einen wirklich zufriedenstellenden Überblick zu geben. Die Auswahl, die aus der großen Zahl der auf diesen Gebieten Täti­gen vorgenommen werden mußte, läßt manchen Namen vermissen, den man eigentlich erwartet hätte, während die Anführung vieler Personen man­chem durchaus entbehrlich erscheinen dürfte. Die Beengtheit des Raumes zwingt oft zu kurzgefaßten Werturteilen, die in dieser Form der Proble­matik mancher der behandelten Phänomene niemals gerecht werden können. Ob es nicht dem angestrebten Zweck besser gedient hätte, auf die Nennung von wirkenden Persönlichkeiten und Werken in größtem Maße zu ver­zichten, da Vollzähligkeit ja ohnedies weder beabsichtigt noch erzielbar war, und dafür die wesentlichen Grundlinien und Tendenzen der Entwick­lung sorgfältiger herauszuarbeiten? So verständlich der Wunsch des Autors ist, in seinem Werk einen Versuch in der Richtung des von ihm als Grund­zug der neuen Epoche so oft zitierten Strebens nach Ganzheit zu unter­nehmen, muß doch festgestellt werden, daß eine Sammlung von einheitlich

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