Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

HAUPTMANN, Ferdinand: Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878–1881

248 Ferdinand Hauptmann Bosniens ein ertragbarer Verlust. Bis zum Siege dieser Politik aber hielt es Pirocanac für das Beste, am Status quo möglichst wenig zu rütteln. Denn eine einseitige Annexion Bosniens, ohne die gleichzeitige Lösung der orientalischen Frage, würde die schwersten Krisen in Serbien hervorrufen und der Regierung unmöglich machen, den bisherigen politischen Kurs länger beizubehalten. Für beide Parteien, Österreich und Serbien, ergaben sich somit bis zu einem gewissen Grade abwartende Stellungen. Österreich war nicht sicher, daß sich die Regierung Pirocanac halten werde, deshalb der Artikel IV. Pirocanac hinwiederum vermißte bei Österreich noch eine eindeutige Stel­lungnahme, deshalb sein Schluß, die guten Beziehungen zu Österreich dürf­ten ebensolche zu Rußland nicht ausschließen, wofern dieses die serbischen Interessen respektiere. „Nach meiner Überzeugung müssen wir verhindern, daß Österreich-Ungarn aus seinen guten Beziehungen zu Serbien bei Ruß­land Kapital schlägt, gleichwie es uns nicht passen kann, daß sich Rußland in Verfolgung seiner Interessen bei Österreich-Ungarn unser bedient. Unsere guten Beziehungen zu beiden Mächten sollen nur den serbischen Interessen nützen“ x). Das politische Programm, das er hier vertrat, deckte sich auffallend mit dem der damaligen italienischen Politik. Sowohl Italien wie Serbien wurden zu neuen Bündnissen gedrängt durch feindselige Haltung ihrer bisherigen Freunde und Verbündeten. Was für Italien die französische Bedrohung durch das Vorgehen in Tunis bedeutete, war für Serbien das russische in San Stefano und Bulgarien. Beide Mächte suchten nun Unter­schlupf bei Österreich, einer Macht, der sie sonst kühl gegenüberstanden. Die Dürftigkeit der Beweggründe für den Anschluß an Österreich brachte es mit sich, daß mit dem Schwinden der französischen Gefahr der Dreibund in steigendem Maße für Italien den Sinn verlor, was sich in immer höheren Forderungen bei Erneuerung des Dreibundes äußerte. Ähnlich war die Lage in Serbien. Vor der russischen Bedrohung warf man sich Österreich in die Arme, aber es blieb nur der Zeit Vorbehalten, zu zeigen, ob eine Besse­rung des russisch-serbischen Verhältnisses nicht sofort eine Entwertung des österreichischen Geheimvertrages nach sich ziehen würde. Vorderhand waren die serbischen Interessen besser bei Österreich ge­wahrt. Solange der russische Druck auf Bulgarien die serbische Ost- und Südflanke bedrohte und Serbien gegen Bosnien drängte, obwohl es dieses im gleichen Augenblick den Österreichern zugestanden hatte, mußte jede Sicherung gegen das Zarenreich willkommen sein. Gegen Österreich in Bosnien zu kämpfen, wäre damals unsinnig gewesen und auch von einer fortwährenden irredentistischen Agitation in den okkupierten Ländern konnte sich Serbien keinen Nutzen versprechen, weil die Okkupation ein internationales Mandat war, Bosnien also von Österreich auch nicht einfach an Serbien übergeben werden konnte. Während deshalb Serbien von einer russophilen Politik zunächst keinen praktischen Nutzen zu erhoffen hatte,

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