Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
HAUPTMANN, Ferdinand: Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878–1881
240 Ferdinand Hauptmann Der Fürst hatte sich damit eigentlich schwer gegen seine Minister vergangen, indem er fremden Staatsmännern mehr vertraute, als seinen eigenen. Aber er hatte diese Erklärung angeboten, weil er überzeugt war, dies sei das einzige Mittel, die übrigen, für Serbien vorteilhaften Bestimmungen des Vertrages zu retten. Haymerle sagte ja während der Krise um den Art. IV: „Sie mögen als Patrioten erwägen, daß wir, wenn wir den animus der Vertragstreue bei Serbien vermissen würden, auch nothgedrungen unsere Politik gegen Serbien ändern müssen“ 38). Und daß die Alternative für Österreich in diesem Jahre bezüglich Serbiens lautete: entweder ein Vertrag mit Serbien, oder Präventiv-Maßnahmen gegen dieses Land, die selbst bis zur Okkupation gehen konnten — das wußten die serbischen Staatsmänner aus wiederholten Äußerungen Haymerles und Kállays39). Der Vertrag, endlich vier Monate nach seinem Abschluß durch Milans geheime Verpflichtung vollgültig, enthob Serbien der Gefahr, eventuell mit Österreich in Zwist zu geraten. Der österreichische Verzicht auf jede Aktion gegen Serbien sowie seine Verpflichtung zu einer unter allen Umständen freundlichen Politik gegenüber Serbien bedeutete für dieses soviel wie Rückendeckung und Sicherung der gefährlichsten Front. Dadurch gewann Serbien — wie Haymerle sagte — erst die „volle Freiheit seiner Aktion, indem es seines mächtigen Nachbarn im Rücken sicher“ wurde40). Und der Fürst hatte nie einen Zweifel darüber bestehen lassen, was er sich von einem Vertrag mit Österreich erhoffte — Förderung der serbischen nationalen Interessen. Das schien nun im Vertrage verwirklicht zu sein. Serbien hatte sich Österreichs in allen Graden versichert, von der Neutralität im Kriegsfälle (Art. V) bis zur diplomatischen Unterstützung im Kriege (Art. III und VII). Daß besonders nach der erfolgten Königsproklamation in Rumänien der Hauptwert der österreichischen Zusagen die territoriale Ausbreitung Serbiens gegen Süden betraf, steht außer Zweifel. Träumte doch Milan dauernd von den „aspirations légitimes“, denen Serbien nunmehr nachgehen könnte 41). Das Versprechen der österreichischen Unterstützung bei diesem Streben war umso kostbarer, als es nicht nur auf gewisse Fälle beschränkt blieb4'2). Österreich gab vielmehr den Serben vollkommen freie Hand gegen Süden, stärkte ihnen dabei den Rücken und stellte seine Anerkennung der Neuerwerbungen im vorhinein in Aussicht. Bei seiner damaligen diplomatischen Stellung in Europa war die Zusage seiner Verwendung zugunsten der serbischen Wünsche und Erwerbungen bei den übrigen Mächten auch schon der halben Anerkennung seitens dieser gleichbedeutend. Natürlich blieben der Zeitpunkt der Expansion sowie alle damit zusammenhängenden näheren Umstände offen, aber es war von Bedeutung, was sich auch Mijatovic als großen Erfolg zuschrieb, daß Österreich das serbischeRecht auf Makedonien damit anerkannte43). Was Serbien nicht wissen konnte, war, daß sich Rußland fast zur gleichen Zeit im Drei-Kaiser-Bündnisse (18. VI.) verpflichtete, mit Bulgarien nicht