Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
HAUPTMANN, Ferdinand: Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878–1881
Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878—1881 241 nach Makedonien zu stoßen44). Das serbische Vordringen nach Süden war also diplomatisch von Österreich gewissermaßen schon vorbereitet. Dagegen war von dem großen Programm, mit dem Haymerle nach Friedrichsruh gekommen war, im Drei-Kaiser-Bündnis nur wenig verwirklicht worden. Die Lücke, die infolgedessen offen blieb45), schloß nun zum großen Teile gerade die Abmachung mit Serbien. Es ist somit kein Zufall, daß die Einwilligung Österreichs zum Abschluß des Drei-Kaiser-Bündnisses unter Aufgabe aller Sicherungen in Serbien und Rumänien, abgesehen von der Wahrung des Rechtes auf Annexion der okkupierten Provinzen und Novi Pazars48), mit den Unterredungen über den serbischen Geheimvertrag zusammenfiel47) und Haymerle noch im letzten Augenblick den Abschluß des Drei-Kaiser-Bündnisses hinauszog48), gerade so lange, bis er Milan bei dessen Durchreise durch Wien nach Petersburg am 6. VI. anscheinend für einen schnellen Vertragsabschluß gewann49). Etliche Tage später ließ er alle Einwürfe gegen das Drei- Kaiser-Bündnis fallen und am 14. VI. nahm es Franz Josef „tel quel“ an 50). Der Drei-Kaiser-Vertrag und der serbische sollten sich also gegenseitig ergänzen. Jener verbürgte Österreich — wenigstens bis auf Weiteres — die Achtung seiner Balkaninteressen bis nach Makedonien hinunter. Dieser aber brachte ihm die Sicherung Bosniens und des Sandaks von Növi Pazar vor Serbien als direkten Anwärter auf diese Gebiete51). Denn während das Drei-Kaiser-Bündnis noch einen Unterschied zwischen Bosnien und dem Sandak macht, sind beide im Geheimvertrag als Teile des österreichischungarischen Staatsgebietes behandelt. Serbien versprach, jede wie immer geartete Agitation gegen das österreichische Gebiet von seinem Territorium aus zu verhindern. Man war sich in Wien der Schwere dieser Verpflichtung für die serbische Regierung und den Fürsten bewußt. Deshalb hatte Haymerle ursprünglich auch die tatkräftige Hilfe Österreichs in Aussicht gestellt, wenn die Stellung des Fürsten oder der Regierung in der Ausführung dieser Verpflichtung gefährdet würde. Einerseits wäre Österreich bereit gewesen, die regierende Partei zu unterstützen, anderseits dem Fürsten mit allen Mitteln, im gegebenen Falle sogar mit den Waffen beizustehen5'2). Im Art. II der definitiven Fassung aber blieb davon nur die Versicherung übrig, daß Österreich Serbien und seine Dynastie mit seinem Einflüsse unterstützen werde. Im übrigen brachte der Vertrag die Grundsätze der österreichischen Balkanpolitik für die Zukunft klar zum Ausdruck. Das Ziel war die Bekämpfung des russischen Einflusses und damit auch der Gefahr eines slavischen Großstaates wenigstens in der Westhälfte der Balkanhalbinsel. Aus diesem Grunde hatte sich Österreich im Drei-Kaiser-Bündnisse als Gegengewicht gegen die Vereinigung Bulgariens mit Ostrumelien die Erneuerung seines Rechtes auf die Annexion Bosniens ausbedungen und den mittelbaren Einfluß auf Makedonien gesichert, wofür ihm Rußland selbst Mitteilungen, Band 5 16