Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

HAUPTMANN, Ferdinand: Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878–1881

Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878—1881 239 gierung in Serbien bis zu einem gewissen Grade gebunden gewesen, wollte sie es nicht auf einen offenen Bruch ankommen lassen. Indes war anzunehmen, daß der serbische Nationalismus im Ernstfälle davor zurückgeschreckt wäre? Wenn schon ein Freund Österreichs wie Pirocanac Haymerle offen erklärte, er könne Art. IV niemals in der stipu- lierten Fassung annehmen3'2), wie hätte sich erst ein Gegner der Mon­archie damit abfinden können? Gewiß, Pirocanac sah zu schwarz, wenn er besorgte, Serbien könnte durch den unglücklichen Text in dieselbe Stellung geraten, wie Tunis Frankreich gegenüber. Denn keine dritte Macht hatte vom serbisch-österreichischen Geheimvertrag eine Ahnung, Serbien konnte demgemäß mit Dritten durchaus als unabhängiger Staat verhandeln. Ent­sprach dann der neue Vertrag nicht dem Geiste der Geheimkonvention, so erlosch eben diese. Denn Österreichs Stärke lag nicht in einer papierenen Formel, sondern in der politischen Konstellation33). Das vergaß anschei­nend auch Kállay, als er trotzdem das Wortspiel des ersten Meinungsaus­tausches fortsetzen wollte. Er einigte sich nämlich mit Pirocanac zwar im Projekt der Deklaration, daß Art. IV Serbien nur verpflichte, keine dem Geiste und Inhalte des Ge­heimvertrages widersprechenden Abmachungen abzuschließen, dann aber drang er doch in Pirocanac, um den folgenden Schlußsatz durchzudrücken: „La Serbie toutefois ne manquera pas de donner connaissance ä l’Autriche- Hongrie de tout traité politique qu’elle serait dans le cas de conclure avec une tiei'ce Puissance“ 34), wodurch das Entgegenkommen im vorigen Satze wieder wertlos geworden wäre. Der Fürst erkannte auch sofort die Unmög­lichkeit, daß Pirocanac diesen Satz annehmen werde, und machte Herbert aufmerksam, daß er seine geheime Erklärung eben deshalb angeboten habe, um die Konsolidierung seiner Regierung zu ermöglichen, da er dadurch seine Minister von der Pflicht befreie, die Verantwortung für eine Klausel zu übernehmen, der sie widerstrebten35). Da Kállay ohnehin nicht starr an diesem Schlußsätze festhalten wollte, bekam die Deklaration schließlich die von Pirocanac gewünschte Form36) und ermöglichte somit den Verbleib des Ministeriums, mit der früher erwähnten Änderung, daß Pirocanac von Mijatovic das Außenministerium übernahm. Der Fürst aber gab die per­sönliche Erklärung ab: „Ayaint vivement ä coeur de prouver des les pre­miers pas, que je fais dans la voie que j’ai de mon propre gré choisie, com­bién je tiens ä la fidéle exécution de mes promesses, je viens, Excellence, par la presente prendre l’engagement formel, sur mon honneur et en ma qualité de Prince de Serbie, de ne point entrer dans quelque negociation que ce soit relative ä un traité quelconque entre la Serbie et un tiers état sans communication et consentement préalable de l’Autriche-Hongrie. Je prie Votre Excellence de considerer le present engagement comme ayant un caractére tout ä fait officiel vis-ä-vis du Gouvernement de Sa Majesté Imperiale et Royal Apostolique“ 37).

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