Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

HAUPTMANN, Ferdinand: Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878–1881

226 Ferdinand Hauptmann Verhalten Serbiens und äußerte sich dahin, es scheine ihm fast ein Fehler zu sein, daß Österreich zur Zeit der orientalischen Wirren nicht Bismarcks Vor­schlag befolgt habe und in Serbien eingerückt wäre. Hohenlohe benützte auch diese Gelegenheit, um den Österreichern die Nützlichkeit einer Verständigung mit Rußland zu betonen. Das Gespräch nahm dann folgenden Verlauf: „Fürst Hohenlohe hob sogleich diese Bemerkung auf und äußerte, es wäre dies, wenn wir ernstlich wollten, noch immer nicht unmöglich. Auf das Erstaunen, das sich auf meinen Zügen malte, fuhr der Fürst also fort: Glauben Sie, daß Rußland einen casus belli daraus machen würde ? — wenn sie sich mit ihm verständigen, so glaube ich es nicht und auch die anderen Mächte würden sich schließlich darein finden. Die Vereinigung Bulgariens mit Ostrumelien ist ja ohnehin nur mehr eine Frage der Zeit. Ich zweifle nicht, daß sich doch noch ein geeignetes Moment finden ließe. Hierauf entgegnete ich, daß sich wohl bei uns schwerlich eine Regierung finden dürfte, die kühn genug wäre, eine solche Verantwortlich­keit auf sich zu nehmen. Während des Krieges wäre das was Anderes gewesen; damals hätte der größte Teil der öffentlichen Meinung bei uns, jener nämlich, der so warme Sympathien für die Türkei an den Tag legte, einem solchen Unter­nehmen, das die Türkei auf jener Seite vollkommen degagirte, zugejauchzt. Heute hätte ein solcher Schritt eine ganz entgegengesetzte Wirkung.“ — Privat­schreiben des Grafen Széchenyi an Baron Haymerle. Wien, den 20. VIII. 1880 (Nachlaß Kállay I). 71) GP III Nr. 522; W i n d e 1 b a n d, a. a. O., S. 166. 72) „Haymerle wollte sich nicht zu einer offenen Verständigung mit Ruß­land bequemen, weil ihm nicht zu trauen sei; auf der anderen Seite perhorreszierte er den Krieg und merkwürdigerweise auch das Expeditiv, mit Krieg zu drohen; er will sich nur für jeden Fall verständigen. Die Verhandlungen mit ihm waren sehr mühsam, er ist der reine Schneider. Dein Papa sagt von ihm, er ist ein bodenscheues Pferd“ (Rantzau an Herbert Bismarck — Windelband, a. a. 0., S. 198). Es soll durch die obige Darstellung durchaus nicht gesagt werden, daß eine gewisse Zaghaftigkeit Haymerle nicht auch anhaftete. Seine nächsten Mit­arbeiter bezeugen diese Seite seines Charakters (Frh. von Teschenberg an Kállay. Meran, den 5. V. 1882 — Nachlaß Kállay II, Privatschreiben), aber allein dadurch kann man nicht seine Politik beurteilen. 73) Privatschreiben Kálnokys an Haymerle ... vom 7. IX. 1880. 74) Privatschreiben Kállays an den Grafen Kálnoky, Wien, den 6. IX. 1880 (Nachlaß Kállay I). 75) Bismarck und Haymerle, a. a. O., S. 724. 76) Ibidem. 77) W i n d e 1 b a n d, a. a. O., S. 195. 7S) Am 3. X. 1880 schreibt er z. B. an Reuss nach Wien: „Ich sehe mit Besorgnis, daß die österreichische Politik nach und nach mit den sämtlichen kleinen Donaustaaten in Mißhelligkeiten gerät, während wir uns vor einem Jahre mit der Hoffnung schmeichelten, daß es Österreich-Ungarn gelingen werde, die Anhänglichkeit dieser Staaten zu erwerben und sie den russischen Einflüssen zu entziehen. Zuerst hat Serbien eine fast feindliche Stellung eingenommen; seitdem scheint die Hingebung Rumäniens, deren wir im vorigen Jahre sicher zu sein glaubten, in Verstimmungen umzuschlagen; und so wenig Rumänien und Bulgarien übereinstimmen, so scheint dies bezüglich der Entfremdung von Öster­reich doch der Fall zu sein. Ich beklage das lebhaft; denn eine wirksame För­derung der österreichischen Interessen auf der Balkanhalbinsel, welche zu unter­stützen wir als unsere Aufgabe betrachten, wird dadurch erheblich erschwert; ich beklage dies umsomehr, als wir meiner Ansicht nach daran nicht ändern können. Denn wir können dem befreundeten Kabinett unseren Rat nicht un­

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