Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
HAUPTMANN, Ferdinand: Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878–1881
Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878—1881 209 Zeitpunkt seiner Reise nach Wien — nach erfolgter Annahme des österreichisch-serbischen Eisenbahn Vertrages seitens der Skupstina 102), und im Juli langte er, außerordentlich feierlich empfangen, in Wien ein. Die Reise geschah durchaus im Einvernehmen mit Ristic, der vom Fürsten „absolute gehalten wird“, wie Herbert meinte, sogar gegen die stärksten Angriffe der Opposition103). Solange nicht durch die handelspolitischen Verhandlungen mit Österreich Ristic in eine immer schärfere Gegnerschaft zu diesem Lande gedrängt wurde, bestand für den Fürsten kein Grund, sich der Hilfe dieses erfahrenen Staatsmannes zu begeben. Die Rücksicht auf den Fürsten war wohl während dieser Zeit auch für Österreich einer der Gründe, um nicht gegen Ristic schon früher — zur Zeit der Eisenbahn Verhandlungen — energischer vorzugehen. Erst als Ristic, durch die Verweigerung der Meistbegünstigung an Österreich in die Gegnerschaft zu diesem Lande getrieben wurde, teilten sich die Wege des Fürsten und seines Außenministers. „Ich verspreche Ihnen“ — sagte der Fürst zu Haymerle, angesichts des bevorstehenden Ultimatums, um das Meistbegünstigungsrecht zu erhalten — „alles Mögliche zu tun, um die Sache zu redressiren, und zwar mit allen Mitteln, sei es mit Herrn Ristitch oder gegen ihn“ 104). Dessen Weigerung, Österreich die Meistbegünstigung als schon bestehendes Recht zuzuerkennein, veranlaßte den Fürsten, Ristic fallen zu lassen „afin d’inaugurer la seule politique saine et salutaire pour mon pays, la seule qui, exempte des idées de chauvinisme, propre au parti Ristitch, donnát ä l’Autriche-Hongrie des garanties, sous l’auspice desquelles les aspirations legitimes de la Serbie ne pourraient en rien étre contraires aux intéréts de la monarchic voisine“ 105). Das neue Ministerium, daß sich dieses Programm zugrundelegte, bestand aus den Häuptern der Fortschrittspartei: Pirocanac, Garasanin, Mijatovic uind Novakovic 106), aus jener Gruppe um das Blatt „Videlo“ also, die sich früher nicht genug im Kampf gegen das Ministerium Ristic über dessen Hinneigen zu Österreich, Preisgabe der nationalen Würde und Selbständigkeit durch den abgeschlossenen Eisenbahnvertrag skandalisiert hatte107). Die Bereinigung des Verhaltens zu Österreich schien der neuen Regierung keine Schwierigkeiten zu bereiten, da nach ihrer Meinung Ristic den Streit um die Meistbegünstigung selbst provoziert habe 108). So zögerten sie auch nicht, die geforderte Erklärung abzugebein, wonach Österreich das Recht auf Meistbegünstigung durchwegs schon besitze109). Spielte bei Ristic’ Weigerung teilweise auch seine protektionistische Einstellung eine Rolle, so entfiel diese bei Mijatovic. Er glaubte nicht, daß Serbiens wirtschaftliche Zukunft von der Entwicklung der Industrie abhing; für Ristic war es wichtig, im Handelsvertrag auch die junge serbische Industrie vor der österreichischen Konkurrenz zu schützen. Scheiterten dann die Verhandlungen etwa auf diesem Punkte, so war der Schutz vor der österreichischen industriellen Konkurrenz nach seiner Ansicht nur gegeben, wenn die Meistbegünstigung an Österreich noch nicht zugestanden 14 Mitteilungen, Band 5