Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

HAUPTMANN, Ferdinand: Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878–1881

208 Ferdinand Hauptmann der latente Gegensatz auf, der von allem Anfang bestanden hatte — er war nicht so stark Serbe wie die übrigen. In ihrer Mitte nicht aufgewachsen, dachte und fühlte er anders. „Ich bin an westliche Cultur und Sitte ge­wöhnt und finde zu Hause nur unverläßliche, mesquine Leute“ 95). In diesen Worten ist der Zwiespalt seiner Person enthalten; in einer großen Welt aufgewachsen, findet er in die heimatliche Umgebung nicht mehr zurück. Das einzige, was ihn mit dieser noch verbindet, ist die Sorge, den Thron seinem Sohne zu erhalten. Sonst würde er — wie er sich nicht entblödete zu sagen — „das verd ... Land (ce foutre pays)“, das ihm nur Ärger be­reitet, auf der Stelle verlassen96). Er träumt nicht mehr von einer Mission Serbiens, die Südslaven zu befreien, er glaubt nicht mehr, wie soviele seiner Mitbürger, an das gute Recht, im Kampfe mit dem Nachbar das Ideal der südslavischen Freiheit zu verwirklichen ... nein; ihm bleibt das alles fremd, er sieht die schwachen Seiten seines Landes, die „kleinlichen Leute“, und bittet Haymerle nur, ihm seinen Gesandten, Freiherrn von Herbert, ja bald wieder nach Belgrad zu schicken, damit er jemanden habe, mit dem er sich rückhaltlos aus­sprechen könne. Er sehnt sich nach jener Welt im Westen, entflieht nach Wien, sooft es geht, und als ihn Haymerle auf die schädlichen Folgen auf­merksam macht, bricht er nur in den schmerzlichen Ausruf aus „Vous ne savez ce que c’est que Belgrade“ 97). Wie sollte nun dieser Mensch, der das Eigene verachtet, es anderen noch aufdrängen, dem Nachbar darüber den Kampf ansagen, wo doch jenes Österreich eben das verkörpert, wonach er strebt — westliche Kultur und Sitte? So ist sein ganzes Streben der Durchführung einer österreich-freund­lichen Politik gewidmet „dans laquelle je place tout le développement et tout l’avenir du pays que la Providence m’a confié“ 98), und folgerichtig stellt er sich die endgültige Lösung der orientalischen Frage nur in dem Sinne vor, daß die Balkanstaaten in ein enges staatliches Verhältnis zu Österreich treten. „Wie Baiern zu Preußen etwa?“ warf der österreichische Gesandte, Graf Khevenhüller, ein, und Milan bejahte es...99). Das neue Ministerium. Die praktische Betätigung dieser Politik fällt in das Jahr 1880. Am 4. I. spricht der Fürst den Wunsch aus, im Laufe des Frühjahrs oder Sommers nach Wien zu gehen, „um Seiner k. und k. Majestät gegenüber eine Pflicht schuldiger Dankbarkeit für die wohlwollende Unterstützung am Berliner Congreß zu erfüllen und persönlich den lebhaften Wunsch zu betätigen, nicht nur freundschaftliche, sondern die allerbesten, den Inter­essen Serbiens entsprechenden Beziehungen zu der Regierung Seiner Maje­stät... zu unterhalten“ 19°). Nachdem ihn Österreich des bereitwilligsten Empfanges versichert hatte101), bestimmte er im April schon näher den

Next

/
Thumbnails
Contents