Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

HAUPTMANN, Ferdinand: Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878–1881

Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878—1881 207 Dieser Schritt fiel dem Fürsten leichter als seinem langjährigen Außen­minister Ristic, denn er fühlte nicht so ausschließlich serbisch und slavisch wie seine Mitbürger. Als Kind aus einer national gemischten Ehe, — seine Mutter war aus den hohen Kreisen der rumänischen Aristokratie — dazu noch früh der elterlichen Erziehung beraubt (sein Vater starb 1860, als Milan 6 Jahre alt war, und seine Mutter lebte in Rumänien), kam er mit 9 Jahren zur Erziehung nach Paris, als 14jähriger wurde er zum Fürsten von Serbien bestellt und als 18jähriger übernahm er 1872 die Regierung91). Zu früh sich selbst überlassen, denn sein französischer Erzieher, den er einzig verehrte, war noch vor seiner Volljährigkeiten gestorben, fand nun dieser Mann — Serbo-Rumäne nach den Eltern, unter französischem Einfluß des Erziehers, teilweise in Paris auf gewachsen, und nun als Herr­scher nach Serbien versetzt — kein rechtes Verhältnis zu seinem Lande. Er fühlte sich von Anfang an nicht recht wohl in Belgrad. Dieser Mangel kam jedoch in der ersten Hälfte seiner Regierung nicht zum Ausdruck; der junge Fürst machte sich im Gegenteil die panslavistischen Ideen seiner Umgebung zu eigen, so daß bis zum Jahre 1878 kein wesentlicher Unter­schied zwischen ihm und seinen Landsleuten hinsichtlich der Außenpolitik bestand. Erst unter dem Drucke der neuen Verhältnisse bricht seine Anlage hervor und macht aus ihm einen seelisch mit sich zerfallenen Fürsten. Der Zwang, mit Österreich zu rechnen, öffnete ihm jetzt die Augen für diesen neuen Partner, und er bemerkt mit einem Male Österreichs Wohl­wollen schon vor 1878, bucht dazu die erlangte Unterstützung auf dem Berliner Kongreß, den gnädigen Empfang seitens des Kaisers in Wien und betont mit aufrichtigem Leid, wie wenig die österreichische Unterstützung in Serbien bisher bekannt und gewürdigt sei, da Österreich auch nicht verstünde, seine Verdienste „moussiren zu machen“ 92). Wie mußte gegenüber diesem „guten Willen Österreichs“ die russische Politik abstechen, die Serbien nichts Gutes, sondern nur Demütigungen eingetragen hat und für welche Serbien, wie er meinte, seit der Errichtung Bulgariens jeden Wert verloren hatte. „Seither behandelt uns Rußland wie Unmündige und Untergeordnete, ich will aber nicht der Präfekt Rußlands sein“ 93). Er war nicht geneigt sein Land zu einer „province d’un empire quelconque“ herabzudrücken, sei es in der bulgarischen Form, um nur ein „gouvernement russe“ zu sein oder durch den 1879/80 lancierten Bund der Balkanstaaten 94). Wie nach einem bösen Traum trat er nun aus eigenem Antriebe und „de tout coeur et sans aucune arriére-pensée“, als Staatsmann und als Mensch an Österreich heran. Was er als Staatsmann als nötig erkannte, wurde ihm bald in steigendem Maße ein Bedürfnis für seine Person. Je mehr seine Enttäuschung über Rußland überhandnahm, desto stärker fühlte er sich zu Österreich gezogen. In dem Maße als er bemerken mußte, daß ihn seine eigenen Leute auf diesem Wege immer mehr verließen, sprang auch

Next

/
Thumbnails
Contents