Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 4. (1951)
GOLDINGER, Walter: Archivwissenschaftliche Literatur der Jahre 1948–1951
312 Literaturberichte infolge des sich Deekens der ständischen und nationalen Abgrenzungen sekundär den Kampf verschärften. Die Beschränkung auf die Anführung einiger chauvinistischer Zitate von tschechischer Seite kann kaum den Tenor liefern für das tschechische Nationalgefühl im allgemeinen, das immerhin eine jahrhundertelange Ära des Zusammenlebens von Deutschen und Tschechen trotz der deutschen Überheblichkeit über dieses „Völkchen“ möglich machte. Auf S. 253 ist ein sinnverkehrender Druckfehler stehengeblieben: Es muß heißen „Vertreibung“ statt „Verbreitung“. Die Bedeutung der Reformation in Südosteuropa (S. 250 ff., besonders 255) wird mit dem Ausdruck „ungeheuer“ wohl überschätzt; auch die Aufspaltung der Ungarn in verschiedene religiöse Bekenntnisse kann nicht gleichgesetzt werden mit derselben Erscheinung im deutschen Volk. Die Bedeutung der Bogomilen als einer weit verbreiteten, mit der offiziellen Kirche im Kampf stehenden Sekte für das rasche und relativ geringem Widerstand begegnende Vordringen der türkischen Heere und später des Islams scheint hingegen nicht nach Gebühr hervorgehoben. Die Bezeichnung „bescheidene süddeutsche Landesherrschaft“ (S. 309) für die habsburgischen Besitzungen im 14. Jahrhundert ist durchaus unzutreffend; ebenso wurde nicht erst durch Karl V. die römisch-deutsche Kaiserkrone für die Habsburger gewonnen. Man vermißt die Anbahnung des politischen Zusammenschlusses des Donauraumes während des Interregnums durch Przemysl Ottokar und Bela IV. und durch die habsburgisch- luxemburgischen Heirats- und Erbverträge, auf Grund derer Albrecht II. und Ladislaus Posthumus schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts anerkannte Herrscher von Österreich, Böhmen und Ungarn wurden, während die staatsrechtlich irrelevante Okkupation des östlichen Österreich durch Mathias Corvinus völlig irreführend als Erwerbung der „österreichischen Länder“ angeführt wird. Die Beurteilung der Habsburger ist überhaupt uneinheitlich; der Verfasser neigt dazu, politische und militärische Erfolge als „deutsche“ Leistungen zu bezeichnen, während dies bei Rückschlägen unterbleibt. Der Niedergang und die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches erscheint mehr den Habsburgern und ihrer Hausmachtpolitik zur Last gelegt als der negativen und partikularistischen Einstellung der einzelnen Reichsstände und der in durch diese erzwungenen verfassungsrechtlichen Schwierigkeiten erstarrten Struktur des Reiches. Die Habsburger haben mit der Niederlegung der Krone des Heiligen Römischen Reiches keineswegs ihre Macht „ausschließlich und endgültig an die Donau“ verlegt (S. 381), die universalistischen Aspirationen erreichten in Metternichs Politik noch einen gewaltigen Höhepunkt und erst der erzwungene Verzicht auf die Position im Deutschen Bund (1866) und in Italien (1859, 1866) machte das Habsburgerreich zur österreichischungarischen Donaumonarchie. An der Ausstattung des Werkes sind die 23 sehr instruktiven Karten besonders hervorzuheben. Der über 100 Seiten umfassende Anhang enthält einen wertvollen Überblick „Die Entwicklung der geschichtlichen Südosteuropa-Forschung“, bei dem man sich vielleicht neben den Kurzbiographien der Forscher auch ein stärkeres Eingehen auf die um dieses Gebiet verdienten Forschungsinstitute wünschen könnte.