Fekete Ludwig: Türkische schriften aus dem Archive des Palatins Nikolaus Esterházy (Budapest, 1932)
Einleitung
Hier müssen wir, um das Folgende in hellerem Licht ercheinen zu lassen, erwähnen, dass das Türkische Reich auch in Mitteleuropa, auch im Besitze von Ofen, ein typisch östliches Imperium blieb und in seinen Einrichtungen keinem unmittelbaren Nachbar gleichen wollte. Während die europäischen Reiche und unter ihnen die Länder der Habsburgdynastie im Laufe des XVI. und XVII. Jahrhunderts zum grossen Teil von neubegründeten oder neuorganisierten Aemtern verwaltet wurden, hielt das Türkische Imperium noch immer am mittelalterlichen System fest und hatte die Modernisierung der inneren Administration kaum in Angriff genommen. Dies hatte zur Folge, dass es sich zur Verwaltung seiner Provinz in Ungarn unfähig erwies. Die innere Verwaltung war vor allem deshalb nicht zeitgemäss und für die türkische Provinz in Ungarn ungeeignet, da sie mit der ebenfalls auf alten Grundlagen ruhenden asiatisch-islamitischen Militärorganisation eng verbunden war. Einer der Grundsätze dieser Organisation war es, dass Reitertruppen auch mitten im Frieden das Gebiet des Feindes überfallen, dort Panik hervorrufen, die Kräfte des Gegners schwächen und — nicht zuletzt — ausspionieren mussten. Die konservativen Türken hielten an diesem Grundsatze — nach den damit verbundenen Erfolgen — auch im XVII. Jahrhundert fest. Das brachte es mit sich, dass die Türken, während in ganz Europa nicht nur die Reiche, sondern auch die Provinzen streng darauf bedacht waren, sorgfältigst ihre Grenzen festzustellen, gleiche Bestrebungen gar nicht kannten und Grenzfeststellungen auch in ihren mitteleuropäischen Besitzungen verzögerten und verhinderten. Die zahlreichen Unterhandlungen und Botschaften des letzten Jahrhunderts — von Haberdanecz bis Bethlen — hatten eine genaue Feststellung der Grenzen nicht durchzusetzen vermocht; die amtliche türkische Interpretation ging auch am Ende des XVI. Jahrhunderts noch dahin, dass Unternehmungen kleinerer Truppen nicht als ein Friedensbruch zu betrachten seien, für den die Pforte Genugtuung geben und sich verantworten müsse. Und obwohl sonst das Türkische Reich im XVII. Jahrhundert einigermassen eine Annäherung an den europäischen Geist anstrebte, änderte sich in dieser Hinsicht nur wenig. Reichsgrenzen wollte es auch für die Zukunft nicht dulden und war auch mitten im Frieden auf eine Erweiterung seines Gebietes bedacht. Bloss die Art, wie die Ausdehnung der Grenzen vor sich ging, erfuhr insoferne eine Wandlung, als man nun nicht einfach die Festungen überrannte wie früher unter den Eroberern; statt dessen