Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)
Einleitung: Die Entstehung des gemeinsamen Ministerrates und seine Tätigkeit während des Weltkrieges
195 Der genaue Zeitpunkt der Eröffnung und der Schließung der Sitzung wurde im Protokoll nicht festgehalten. 196 Die eingehende Behandlung der Vorgeschichte gehört nicht hierher. Ich will nur das Ereignis erwähnen, das der unmittelbare Anlaß zu dieser hochbedeutenden Verhandlung war. Einige Tage vor dem Kronrat verhandelte der Reichskanzler Bethman Hollweg mit dem Minister des Äußern der Monarchie und anderen führenden Politikern über die Bedingungen, unter denen das Deutsche Reich und die Monarchie gleichzeitig und gemeinsam mit der Entente Frieden schließen könnten. Die Kräfte der Mittelmächte waren schon am Erschöpfen. Damals schien es, daß Frankreich, Italien und eventuell sogar Großbritannien geneigt wären, unter gewissen Bedingungen Frieden zu schließen. 197 Zu dieser Zeit hatte nämlich auch die deutsche Heeresleitung bereits eingesehen, daß die minimale Bedingung eines Friedensschlusses mit der Entente der Verzicht Deutschlands auf jeglichen Gebietsanspruch an Belgien und Frankreich war. Als Entschädigung für den Verzicht auf Eroberungen im Westen dachte sie an Gebiete im Osten. Bei der tatsächlichen militärischen und politischen Lage waren freilich beide Annexionsansprüche illusorisch. 198 »Die äußere Politik ist so zu leiten, daß soweit als möglich, Deutschland eine gewisse Haftung für die Integrität der Monarchie übernehme.« S. 491 dieses Werkes. 199 »... ich von diesen Vorgängen nicht nur nichts gewußt hatte, sondern gar nichts wissen konnte« — schreibt Czernin in seinen Memoiren (Im Weltkriege. Berlin—Wien 1919, S. 221). 200 »Unsere verschiedenen Versuche, Friedensfäden anzuknüpfen, galten, soweit sie ihren Ausgangspunkt am Ballhausplatz hatten, stets unserer ganzen Mächtegruppe.« (Ebd. S. 224). 201 Dementsprechend wurden auch zahlreiche Versuche unternommen, den Wirkungskreis des gemeinsamen Ministerrates festzulegen. Später werden wir noch sehen, daß diese wiederholten Versuche fast völlig ergebnislos geblieben sind. 202 Die Erweiterung der Dimensionen zeigte sich auch auf anderem Gebiete. Am besten läßt sich die Bedeutung dieses Problems an den Beziehungen der Monarchie zu Deutschland ermessen. 203 Erst am Ende des Krieges, im gemeinsamen Ministerrat vom 24. August 1918, als über die Verteilung der Kriegslieferungen im zweiten Halbjahr verhandelt wurde, gestand Kriegsminister Stöger-Steiner ein, daß in den ersten drei Jahren des Krieges Ungarn an den Kriegslieferungen nicht entsprechend beteiligt worden war, wodurch das Wirtschaftsleben Ungarns einen Schaden von ungefähr 2 Milliarden Kronen erlitten hatte. Die Tatsache selbst wurde von niemanden angezweifelt und der österreichische Handelsminister gab nur eine Begründung — und aus unserem Gesichtspunkte ist sie interessant — und meinte, die »Überbeschäftigung« der österreichischen Industrie sei eine Folge der größeren Leistungsfähigkeit und entwickelteren Technik der österreichischen Fabriken gewesen. 204 Diese Frage wurde am schärfsten auf der gemeinsamen Ministerkonferenz vom 18. Juni 1915 aufgeworfen. Mit der Problematik der Konferenz beschäftige ich mich aus mehreren Gesichtspunkten. Hier möchte ich den gemeinsamen Finanzminister Koerber zitieren. Um die Bedenken des ungarischen Ministerpräsidenten Tisza zu zerstreuen, in Österreich nehme der Gedanke der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reiche langsam politische Form an und habe zumindest die Zollunion zum Ziel, erklärte er, dafür fehlten die realen Vorbedingungen, man müsse jedoch vorsichtig sein, um die Beziehungen der Monarchie zu den Deutschen nicht durch überflüssige Befürchtungen zu trüben, weil »ÖsterreichUngarn zu seiner industriellen Entwicklung, insbesondere für Spezialisierung seiner Industrie das Kapital brauche und wir kaum, wie früher, von Frankreich, England u.s.w. solches erwarten dürfen«. (Siehe S. 261 dieses Bandes.) Eigentlich hätte Koerber sagen müssen: auch von Frankreich und England, denn die Rolle des deutschen Kapitals in der österreichischen Industrie schon geraume Zeit vor Kriegsausbruch ist allgemein bekannt. 205 Im Bericht vom 5. Juli (Österreich-Ungarns Außenpolitik. Bd. VIII, S. 306) steht unter anderem zu lesen : »Nach seiner (Kaiser Wilhelms) Meinung muß aber mit dieser Aktion (d.h. seitens der Monarchie gegenüber Serbien) nicht zugewartet werden. Rußlands Haltung werde jedenfalls feindselig sein, doch sei er hierauf schon seit Jahren vorbereitet, und sollte es sogar zu einem Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Rußland kommen, so könnten wir davon überzeugt sein, daß Deutschland in gewohnter Bundestreue an unserer Seite stehen werde.