Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)
Einleitung: Die Entstehung des gemeinsamen Ministerrates und seine Tätigkeit während des Weltkrieges
Weg seiner weiteren Folgerungen nicht folgen. In meiner Argumentation, welche das Funktio nieren der dualistischen Staatskonstruktion in einem kritischen Augenblick untersucht, ist die Frage des Zeitpunktes von Bedeutung. Daß Tisza ausgespielt bzw. vor vollendete Tatsachen gestellt wurde, verstehe ich in dem Sinne, daß Berchtold Tisza gegenüber, der den Zeitpunkt zur Kriegsführung für nicht geeignet hielt, der Meinung war, daß die gegebene Lage für die Entfachung des Krieges günstig sei und trotz des Protestes Tiszas in diesem Sinne gehandelt hat. Nebenbei bemerkt, illustrieren diese verhängnisvolle Tat und die Reihe der durch diese ausgelösten Ereignisse vorzüglich, wie sehr sich der Außenminister der Monarchie, wenn er es für gut fand, nicht an die Vorschriften der Ausgleichsgesetze gebunden fühlte, daß er nämlich die auswärtigen Angelegenheiten mit den zwei Regierungen bzw. den Chefs derselben im Einverständnis zu führen habe. 169 Die Geheimnistuerei Berchtolds bzw. der durch ihn vertretenen Kreise erstreckte sich natürlich nicht nur auf Tisza. Eine derartige Führung der Angelegenheiten hatte not wendigerweise zur Folge, daß kein einziger maßgeblicher Sektor des Staatsapparates über die verhängnisvollen Folgen des an Serbien zu richtenden Ultimatums genau unterrichtet war. (Eine Ausnahme bildete, wie wir weiter unten sehen werden, die oberste militärische Führung.) Besonders gefahrvoll wurde für das Leben der Monarchie, daß es verabsäumt wurde, die führen den wirtschaftlichen Kreise genau und rechtzeitig zu informieren. Alexander Popovics, der damalige Gouverneur der ÖsterreichischUngarischen Bank schreibt in seinem Werke [A pénz sorsa a háborúban (Das Schicksal des Geldes im Kriege). Budapest 1926, S. 39 ff.] klar, daß sie vom Ministerium des Äußern erst am 19. Juli 1914 mündlich dahingehend informiert wurden, daß am 25. Juli an Serbien im Zusammenhang mit dem Sarajevoer Attentat ein Ultimatum gerichtet werden würde. Die Mitteilung hatte nur informativen Charakter. Sie erweckte den Anschein, daß nach Ansicht verantwortlicher Kreise der Außenpolitik »die Überreichung des Ultimatums hoffentlich keine weiteren europäischen Verwicklungen nach sich ziehen werde«. 170 Diplomatische Aktenstücke, a.a.O. S. 132. Giesl nennt in seinem Telegramm die Note ein Ultimatum. Dies wird von Berchtold in seinem Antworttelegramm rektifiziert. A.a.O. S. 132133. 171 Ebd. II, S. 1. 172 Bittner— Uebersberger usw.: ÖsterreichUngarns Außenpolitik. Bd. VIII. Wien 1930, Nr. 10396. 173 Diplomatische Aktenstücke, a.a.O. II, S. 25. 174 Felelősség a világháborúért és a békeszerződésért, S. 210. 175 Es wäre eine sehr verlockende Aufgabe, sich etwas eingehender mit István Tisza zu befassen. Er wurde von Gyula Szekfű nicht zufällig als Maßstab für die seiner Ansicht nach im Verfall begriffene Epoche hingestellt. Der ungarische Ministerpräsident, der später ein tragisches Ende nahm, ist tatsächlich ein geeigneter Maßstab. Wenn auch nicht so sehr für seine Epoche als eher zur Beurteilung jener Epoche, die in ihm — begründet oder unbegründet, darüber wird die spätere Geschichtschreibung entscheiden — ihr politisches Ideal gesehen hat. Leider hat ihm eben dieser Umstand, als Maßstab zu dienen, Züge beigelegt oder von seinem politischen Antlitz weggewischt. Auch in diesen Zeilen steht die Figur Tiszas als Maßstab. Nicht im Szekfüschen Sinn. Sondern in einer gegebenen, konkreten Lage, zur Beurteilung objektiver Faktoren, des Funktionierens des österreichischungarischen Staatsapparates. Daß ich der Versuchung nachgebe, und mich eingehender mit der geschichtlichen Rolle István Tiszas beschäftige, dem steht schon diese Tatsache, die Einengung der Probleme auf ein kleines Gebiet im vorhinein im Wege. Doch möchte ich dem Gesagten noch hinzufügen, daß diese scharfe Exponierung der Gestalt Tiszas, das Hinstellen seiner Figur als Maßstab nicht geschieht, weil der Verfasser einen ungarischen Politiker in den Vordergrund stellen wollte. Es hat dies seine objektiven Gründe. In Tisza sahen auch die Zeitgenossen die führende Gestalt der Politik der Monarchie während des Weltkriegs. Aus diesem Gesichtspunkt halte ich für sehr charakteristisch, was der Mörder Stürgkhs, der österreichische sozialdemokratische Abge ordnete Adler bei der Gerichtsverhandlung sagte. Er habe eigentlich Tisza töten wollen, neben dem die Person Stürgkhs wie ein Schatten verschwinde. Er habe sich jedoch für die Tötung des österreichischen Ministerpräsidenten entschieden, weil er befürchtete, daß, falls er Tisza