Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)

Einleitung: Die Entstehung des gemeinsamen Ministerrates und seine Tätigkeit während des Weltkrieges

tötet, seine Tat von einzelnen als österreichischer nationaler Racheakt gewertet werden würde. — Auf das reiche Schrifttum über Berchtold und Tisza möchte ich mich hier nur im allge­meinen berufen. 176 Unter Staat und Gesellschaft verstehe ich, sofern nicht besonders erwähnt, den Staat und die Gesellschaft des bürgerlichen Zeitalters; die staatlichen und gesellschaftlichen Ver­hältnisse des Zeitalters des Feudalismus werden nur ausnahmsweise, wenn auf die, dem ge­schichtlichen Verständnis dienenden Antezendenzien hingewiesen wird, gestreift. 177 Ich kann, leider, die Fragen nicht so tiefgreifend analysieren, daß meine Zusammenfassung Anspruch erheben könnte, ein Abschnitt der Verwaltungsgeschichte zu sein. Es wäre auch eine Vermessenheit zu sagen, daß ich neue Methoden anzuwenden versuche, wenn ich fest­stelle, daß der allgemein wahrnehmbaren Entwicklung der Geschichtswissenschaft gegenüber, auf dem Gebiet der Hilfswissenschaften auch heute noch im wesentlichen jahrzehntealte Methoden angewendet werden. Meine einleitende Studie würde ich höchstens als ein Vor­fühlen in Richtung derartiger Methoden betrachten. Jedenfalls fühle ich, wie notwendig es wäre, in unseren hilfswissenschaftlichen Forschungen in erhöhtem Maße sozialgeschichtliche Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen. Eine Erneuerung unserer geschichtlichen Hilfs­wissenschaften ist, worauf ich auch in meinen Buchbesprechungen wiederholt hingewiesen habe, nur auf diesem Wege zu erreichen. Ich weiß, daß meine Erörterungen über die Geschichte des gemeinsamen Ministerrates und die Ministerratsprotokolle ein sehr bescheidenes Vorfühlen in dieser Richtung bilden. Übrigens möchte ich an dieser Stelle meinem Kollegen und Freund, Károly Vörös, mit dem ich diese Probleme meiner Arbeit wiederholt fruchtbringend durch­gesprochen habe, meinen Dank aussprechen. 178 In der vorangehenden Anmerkung versuchte ich, den eigenartigen, vom sozialgeschicht­lichem Gesichtspunkt versuchsartigen Charakter meiner einleitenden Studie näher zu bestim­men. Aus ihrer Eigenart folgt, daß ich genötigt bin, komprimierte, manchmal von ihrem allgemeinen Sinn abweichende Begriffe zu benutzen, und deren Inhalt von Fall zu Fall zu bestimmen. An Stelle des Begriffs bewußtes, politisches Handeln z.B. benutze ich den Begriff Gebräuchlichkeit im eigentlichen Sinne des Wortes. Meist verstehe ich darunter eine bestimmte Amtspraxis, die — mangels gesetzlicher Bestimmungen — die Formen und die Art der Amts­führung bestimmt. Das Wort Technik gebrauche ich ebenfalls stellenweise als Notbehelf. Wenn sein Begriff nicht gesondert bestimmt wird, so als Begriff des sich raschest verändernden, beweg­lichsten Teiles der Produktivkräfte, in engerem Sinne aber, mit entsprechendem Attribut, als zusammenfassender Begriff der Art und der Formen der Amtsführung (Amtsführungstechnik). 179 Das Attribut »abgesondert« bedeutet lediglich eine formale, methodische Absonderung, was die technikgeschichtlichen Untersuchungen erleichtern soll. 180 Über den großen Einfluß der Technik auf die Amtsführung, besonders darüber, daß die Anwendung der modernsten Geräte der Fernmeldetechnik den stürmischen Gang der Dinge unter außergewöhnlichen Umständen, wie es die Kriegsverhältnisse waren, auch un­mittelbar aus ihrer ursprünglichen Richtung ablenken können, habe ich in meinen Arbeiten A bresztlitovszki béketárgyalások anyaga a bécsi Staatsarchivban (Das Material der Brest-Li­towsker Friedensverhandlungen im Wiener Staatsarchiv). Levéltári Közlemények XXVIII (1958) S. 129—150 und Zur Untersuchung des geschichtlichen Quellenwertes des Telegramms, Nouvelles Études Historiques, Budapest 1965, S. 357—377, eingehender geschrieben. Zur Rolle der Fernmeldetechnik in der Amtsführung während des Weltkrieges s. /. Redlich, Österreichische Regierung und Verwaltung im Weltkriege, Wien 1925, S. 89. 181 In der Entwicklung der im weitesten Sinne genommenen menschlichen Beziehungen, der gesellschaftlichen Berührungsformen, der Beziehungen innerhalb der Klassen, im all­täglichen Zusammenleben hat sich im Verlaufe von Jahrhunderten kaum eine meritorische Veränderung gezeigt. Gemessen an dem riesigen Unterschied, der zwischen den Lebensver­hältnissen der altgriechischen Gesellschaft und der Welt der modernen bürgerlichen Gesell­schaft in technischer Hinsicht besteht, haben sich Art und Formen des menschlichen Zusam­menlebens seit dem Zeitalter des Perikles bis zum Zeitalter des ersten Weltkrieges im wesent­lichen kaum geändert. Diese Arbeit untersucht nur einen winzigen Bezug dieses kaum meß­baren Gegensatzes. 182 Ich betone: bis zu einem gewissen Maße. Das sei besonders hervorgehoben, um den 124

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