Mitteilungen des K. K. Archivrates 3.

Dr. Eduard Straßmayr: Das Archiv der Kirchdorf-Micheldorfer Sensenwerksgenossenschaft im Landesarchiv zu Linz

76 Dr. Eduard Straßmayr. waren auch die Sensensehmiede zur Wahrung ihrer Interessen in einer Zunft vereinigt, welche die Sensenhämmer von Kirchdorf-Micheldorf, dem Mittelpunkt der Organisation, von Leonstein, Molln, Scharnstein, Spital und Steyrling sowie den angrenzenden Gebieten umfaßte. Frei von jeder Konkurrenz konnten sie ihre Ware leicht in allen Ländern absetzen. Wegen ihrer vorzüglichen Qualität waren die oberösterreichischen Sensen­marken aber auch mit Recht viel begehrt. Die intensiven Handelsbezie­hungen mit dem Deutschen Reich, mit Frankreich, Rußland und der Türkei hatten einen großen wirtschaftlichen Aufschwung des Sensen­gewerbes zur Folge. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts waren 42 Sen­senwerke im regsten Betrieb, die nahezu 700 Knechte und Buben be­schäftigten.1) Wir brauchen nur einmal in den in großer Anzahl auf uns ge­kommenen Abhandlungs- und Verlassenschaftsprotokollen der Stiftsherr­schaft Spital a. Pyhrn und des Kommunalarchivs Kirchdorf vom 16. bis 19. Jahrhundert zu blättern und wir gewinnen einen interessanten Ein­blick in die geradezu glänzenden Vermögens- und wirtschaftlichen Ver­hältnisse der meisten Sensenschmiedmeister. Familien wie die Blum- auer, Hierzenberger, Holzinger, Koller, Moser, Pieslinger, Redtenbacher, Schröckenfux, Weinmeister, Zeitlinger u. a, konnten mit berechtigtem Stolz auf eine jahrhundertelange Zugehörigkeit zum Handwerk zurück­schauen; ihrer Tüchtigkeit und Schaffensfreude war es zu danken, daß reichlicher Geldsegen sich über das Land ergoß und viele Arbeitskräfte guten Verdienst fanden. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren Frankfurt a. Main, Basel, Genf, Lyon, Triest, Brody, Riga, Königsberg, Tilsit und Breslau Stapelplätze für oberösterreichische Fabrikate, ja selbst Nordamerika zählte zu den Absatzgebieten.2) Doch schon bald machte sich eine starke Kon­kurrenz bemerkbar. Durch die Errichtung von Sensenwerken in Deutsch­land und Frankreich, die auf ihren qualitativ minderwertigen und daher auch billigeren Erzeugnissen mit Vorliebe gesuchte österreichische Marken prägten, erwuchs der heimischen Industrie großer Schaden. Nach einem Bericht von 1824 über die traurige Lage des Sensengewerbes betrug in­folge Stockung des Absatzes der jährliche Verlust 500.000 bis 600.000 Gulden.3) In der Folgezeit trat eine zunehmende Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse auf dem Sensenmarkt ein und im Jahre 1905 umfaßte die Kirchdorf-Micheldorfer Sensenwerksgenossenschaft nur mehr 17 Betriebe, von denen seitdem abermals einige ihre Tätigkeit eingestellt 1) Landesarehiv Linz; Arehiv der Sensenwerksgenossenschaft Kirchdorf-Miehel- dorf, Band 3, Nr. 521/2. 2) A. a. 0. Band 33, Nr. 45. 3) A. a. 0. Band 33, Nr. 44.

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