Mitteilungen des K. K. Archivrates 3.

Dr. Oswald Menghin: Über bäuerliches Archivwesen

Ober bäuerliches Archivwesen. 69 sich zunächst wohl davor hüten müssen, allzu uniformistisch vorzugehen; vielmehr wird sieh die Schutzaktion ganz den Verhältnissen anbequemen müssen. In der Gemeinde Völlan bei Meran hat der Ortspfarrer P. Herr­mann Wieser 0. T. aus eigenem eine Lösung gefunden, die gewiß als ausgezeichnet anzuerkennen ist. Er hat in einem Zimmer des Pfarrhofs ein Archiv eingerichtet und hier für jeden Hof der Gemeinde ein Fach bestimmt, in dem die Archivalien deponiert werden. Nicht jeder Pfarrer wird zu einer solchen Unternehmung zu veranlassen sein; auch wird sich nicht jedes Pfarrhaus dazu eignen. Man denke nur an die Feuers­gefahr. Für viele Orte soll aber dieser Weg im Auge behalten werden. Anderwärts kann vielleicht Anschluß an bestehende Gemeinde- und Amtsarchive gesucht werden, wenn eine ordentliche Leitung derselben verbürgt ist. Das ist freilich namentlich bei Gemeindearchiven nur selten der Fall. Eher kämen die Archive und Registraturen der Bezirksgerichte und Bezirkshauptmannschaften in Frage. Aber auch hier walten ver­schiedene Bedenken ob. Vor allem ist zu befürchten, daß die Bauern gerade diesen Behörden, mit denen sie oft in unangenehme Berührung kommen, kein Vertrauen entgegenbringen und die Ausfolgung ihrer Archivalien verweigern. Man wird also in vielen Fällen doch an eine Mitwirkung der Landes- und Statthaltereiarchive denken müssen, bei denen auch die Garantie einer einwandfreien Amtsgebarung besteht. Freilich wird sich da wieder die Schwierigkeit ergeben, daß der Bauer seine Dokumente nur ungern so weit von seinem Wohnsitz entfernen lassen wird. Da muß eben eine weitgreifende Aufklärungsarbeit einsetzen, bei der sich besonders Geistliche und Lehrer verdient machen könnten; die Leitung derselben wird den Funktionären des deutschösterreichischen Archivrates zufallen. Sie ist, was immer für Wege zur Rettung der Bauernarchive eingeschlagen werden, unerläßlich, wenn die ganze Aktion Erfolg erzielen soll. Ein wirksames Mittel, die Bauern zur Abgabe der alten Schriften zu bewegen, wird die Ausstellung beglaubigter Ab­schriften für alle jene Dokumente sein, denen noch materieller Wert innewohnt. Auf Einzelheiten einzugehen, scheint mir hier nicht der ge­eignete Platz; es wird Sache der zuständigen Behörde sein, sich mit der Prüfung dieser Gedanken und Vorbereitung eines Arbeitsplanes zu be­schäftigen. Nur auf einen Punkt glaube ich noch besonders dringlich hinweisen zu sollen. Gewissermaßen als das Minimalprogramm einer Sehutzaktion muß die Anlage und Publikation von Regesten aller erreich­baren Bauernarchive nach Art der »Archivberichte« bezeichnet werden. Diese Arbeit dürfte wohl als erste in Angriff zu nehmen sein. Sie ist bei genügender Organisation keine unabsehbare und läßt sich in einigen Jahren bewältigen.

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