Mitteilungen des K. K. Archivrates 3.

Dr. Oswald Menghin: Über bäuerliches Archivwesen

68 Dr. Oswald Menghin. daß der historische Sinn auch im Volke immer mehr erlischt und die Kenntnis von der Bedeutung dieser Dokumente zu schwinden beginnt. Es gelingt daher der Überredungskunst der Antiquitätenhändler, die ja ihre Fangarme bis ins letzte Bauernhaus ausstrecken, nicht selten, den Landleuten ihre alten Urkunden um einen Pappenstiel abzuschwätzen. Eine besonders große Gefahr für die Bauernarchive waren und sind wohl noch die Orgelbauer. Es gibt nämlich kein besseres Material zum Verpicken schadschaft gewordener Orgelpfeifen als Pergament, und wo wäre dieses für einen solchen Zweck leichter und umsonst zu haben als von dem frommen Bauernvolke, das für seine Dorfkirche stets zu Opfern bereit ist! In St. Wallburg im Ultentale ist die Trommel der Musikkapelle mit einer alten Urkunde bespannt, und diese eigenartige Verwendung mag wohl noch so manches Stück gefunden haben. Nicht selten vernimmt man auch, daß ganze Achive in die Hand von Kauf­leuten gelangten, die Käsepapier benötigten . . . Am verheerendsten scheint aber in neuerer Zeit auf die Bauern­archive der Besitzwechsel eingewirkt zu haben, insbesondere durch Konkurs verursachter. Die wirtschaftliche Notlage, in der sich der alpen­ländische Kleinbauernstand seit Dezennien befand, hat viel dazu bei­getragen, ideelle Werte dahinschwinden zu lassen, die bisher im Bauern- tume ihren Hort besaßen. Es wurde Brauch, daß Bauern, die Haus und Hof unfreiwillig preisgeben mußten, wenigstens die alten Schriften vernichteten, um dem gehaßten Nachfolger einen Schaden anzutun. Fand aber der neue Eigentümer oder Pächter auch Archivalien vor, so stand er dazu nicht mehr in jenem persönlich zu nennenden Verhältnisse wie sein Vorgänger, dessen Ahnen seit Jahrhunderten auf der gleichen Scholle gesessen waren, hatte vielleicht oft gar keine Ahnung von ihrer Wichtigkeit für den Hof und veräußerte sie daher, wenn er sie nicht überhaupt wegwarf. Alle diese Umstände haben zusammengewirkt, dem bäuerlichen Archivwesen argen Abbruch zu tun, und wirken teilweise noch fort. Es scheint mir daher an der Zeit, daß kräftige Maßregeln ergriffen werden, um weitere Schädigungen zu verhüten. Ich komme damit zum letzten Teil meiner Ausführungen, den Bettungsmaßnahmen zugunsten der bäuerlichen Archive. Es ist klar, daß es sich dabei um eine sehr schwie­rige Aufgabe handelt. Denn das zu schützende wissenschaftliche Gut ist Privateigentum und befindet sich in Händen eines Standes, der in einer ganz besonderen Weise behandelt werden muß, wenn er nicht von vorn­herein kopfscheu gemacht werden soll. Wer den Tiroler Bauern kennt — dieser kommt ja hier vor allem in Betracht —, weiß, daß mit Dekre­tieren nichts gerichtet, sondern nur verdorben würde. Es müssen eigene Mittel und Wege gefunden werden, der Sache beizukommen. Man wird

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