Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 7. (Dritte Folge, 1911)

Gentz und Fasbender. Ungedruckte Briefe aus der Zeit von 1802 bis 1808. Mitgeteilt von Major Jacubenz

96 J a c a b e n z. sichtspunkten ausgehen und folglich auch zu denselben Re­sultaten gelangen. Oft, sehr oft erinnere ich mich jetzt, wenn ich über die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit einer Verände­rung in unserem politischen System discutieren höre oder selbst discutiere, der gründlichen und einsichtsvollen Raison- nements, wodurch Sie im Sommer von 1805 meinen fast un­heilbaren Unglauben bekämpften. Gewiß hatte ich darin wohl Recht, und dies glaube ich jetzt sogar fester als zuvor, daß die damaligen Rathgeber des Kaisers (vielleicht im Vor­gefühl ihrer Unfähigkeit und ihres Unglücks) den Krieg nicht wünschten und nicht wollten, daß sie sich bis auf den letzten Augenblick schmeichelten, ihm zu entgehen, daß sie mit Haaren dazu gezogen wurden. Aber Sie hatten noch ent- scheidender Recht, wenn Sie mir ohne Unterlaß zu Gemüthe führten, daß ein gewisser Grad von Vorbereitung zum Kriege, den Krieg unausbleiblich herbeibringt, und daß die, die sich einmal ernsthaft bewaffnen, sie mögen nun innerlich wollen oder nicht, zuletzt darin verwickelt werden müssen. Sollte dies nicht abermals die Geschichte unserer dies­jährigen Zurüstungen sein? Alle Militaristen glauben an den Krieg. Von allen Seiten werden mir große Wetten angeboten, daß wir in zwei Monaten hineingezogen sind, wir mögen auch heute denken, wie wir wollen. Ich gestehe Ihnen, daß, so fest ich auch überzeugt bin, daß der Kaiser und die Haupt­personen der Monarchie den Vorsatz haben, neutral zu bleiben, und so sehr ich auch mit dieser Überzeugung den Hoffnungen der Militaristen widerspreche, mir doch mehr als einmal der Gedanke sich aufdrängt, daß sie durch die jetzt genommenen nachdrücklichen Maßregeln weit über ihre eigenen Wünsche hinaus, fortgerissen werden könnten. Was die jetzige Lage der Dinge freilich sehr von der im Jahre 1805 unterscheidet, ist, daß damals Bonaparte freie Hände hatte, anstatt daß er heute, wenn er nicht ganz vom Teufel besessen ist, lieber die Augen über alles zudrücken, als uns zu Feindseligkeiten reizen wird. Wir müßten sie also aus freier Bewegung beschließen; und dazu, ich gestehe es Ihnen, finde ich durchaus keine Anlage in unserem Kabinet. Sagen Sie mir doch bei der ersten sichern Gelegenheit Ihre Meinung

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