Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs - Supplement. Geschichte der K. und K. Wehrmacht 4. (1905)
Die Artillerie - Geschicht der Organisation und Entwicklung der k. und k. Feld-Artillerie 1618-1903 - I. Das Feld-Artillerie-Corps (Haupt-Corps) 1618-1772 - A. Organisation und Entwicklung
38 liothwendig geworden, zum Angriffe auf feste Plätze, wozu die leichten Caliber nicht ausreichten, schwere Geschütze heranzuziehen. Es war dadurch schon damals der Begriff einer eigenen Belagerungs-Artillerie, wenn auch nicht dem Namen, so doch der That nach vorhanden. Die Ereignisse des Feldzuges 1657 —1660 nöthigten bei der Bekämpfung Krakaus und der pommerschen Festungen neuerdings zur Ausrüstung einer schweren Artillerie für die Belagerung. Immer aher war und blieh die Aufstellung derselben eine fallweise, nie geschah sie, wenn auch etwa schon vor dem Feldzuge präliminiert, gleichzeitig mit der Mobilmachung der Artillerie für die Armee. Erst in dieser Periode trat hierin eine Aenderung ein. Erkenntnis und Zwang der Verhältnisse führten dazu, schon von Haus aus eine eigene Belagerungs-Artillerie zu errichten und ins Feld zu stellen. Die Lage in Ungarn, wo es vorzüglich darauf ankam, die von den Türken besetzten festen Plätze zu gewinnen, verbunden mit den Erfahrungen, welche man bisher bei Belagerungen gemacht, gaben der Kriegs- Verwaltung die Ueberzeugung, dass ohne eine grössere, eigens zu diesem Zwecke bestimmte Belagerungs-Artillerie "wenig zu erreichen sei. Massgebend für die sofortige Aufstellung einer solchen Artillerie waren weiters auch die schwierigen Terrainverhältnisse in Ungarn, welche einen späteren Nachschub, d. li. einen solchen bei eintretendem Bedarf unmöglich machten, da ja an ein zeitgerechtes Einlangen desselben kaum gedacht werden konnte '). "Wie bald man schon an die Errichtung einer eigenen,,Operations”- oder Belagerungs-Artillerie dachte und in welcher Höhe man diese schon beanspruchte, zeigt ein diesbezüglicher Vorschlag aus dem Jahre 1666. Darnach sollte dieselbe insgesammt bestehen: aus 70 halben Karthaunen, 30 Quartierschlangen nebst 100 Sattelwagen für beide Kategorien zusammen, 30 Steinpöllern zu 60 Pfund, 15 solchen zu 100 Pfund, 4 Feldschmieden, 3 Hebzeugen. Hiezu an Kugeln: 42.000 Karthaunenkugeln, 18.000 Quartierschlangenkugeln, 9000 Bomben zu 60 Pfund, 3000 zu 100 Pfund, 19.000 Granaten zu 5 Pfund, 20.000 Handgranaten, 8000 Centner Pulver, 1000 Centner Lunten, 1500 Centner Ganz-Blei; 1500 Büchsen-Kartätschen für die Karthaunen, 1000 zu den Quartierschlangen * 2). Durch die nunmehr normalmässige Aufstellung einer Belagerungs-Artillerie entstand eine organisatorische Theilung der G-esammt-Artillerie in eine solche, welche mit den Truppen marschierte und deren Thätigkeit in jedem Kampfe unterstützte und in eine solche, welche unabhängig von den Bewegungen der Armee nur zu Belagerungen verwendet wurde. Es ist begreiflich, dass bei Belagerungen einzelner Orte beide Theile der Artillerie gemeinsam zur "Wirkung gebracht wurden, daher in den folgenden Darstellungen der Artillerie-Ausrüstung und Stärke bei bestimmten Gelegenheiten eine genaue Scheidung beider unthunlich ist. Aber auch bezüglich der Gesammtzahl der Geschütze ist es nicht möglich, absolut richtige Daten zu bieten, da die Eegiments-Stücke, welche ja ebenfalls einzubeziehen wären, sich nicht angegeben finden und keine Gleichmässigkeit in ihrer Vertheilung bestand. Die Dotierung der .Regimenter mit Geschützen war eben noch nicht vollständig durchgeführt. Dies vorausgeschickt, ist in den einzelnen Jahren über die Stärke und den Stand der Artillerie Folgendes zu bemerken: 1666 war die Artillerie noch im Stande der Reduction. Als Commandant derselben fungierte dem Namen nach Obrist Tensini, der That nach Obristlieutenant Gigler. 1667 erfolgten neue Werbungen, besonders von Knechten und Pferden, doch nur in geringem Masse. Die Dotierung mit Geschützen betrug J) In Deutschland, woselbst die Städte schwere Geschütze in genügender Zahl beistellen konnten, waren die Verhältnisse anders. 2) Unter den Personen, welche für diese Artillerie nöthig sind, wird nebst dem Feldzeugmeister auch ein General-Feldwachtmeister genannt, doch tritt letztere Charge erst nach 1700 bleibend in der Artillerie auf.