Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs - Supplement. Geschichte K. und K. Wehrmacht 5. (1903)
Die Landes-Vertheidigung - Die Aufgebote in den Erblanden bis 1809 - II. Die Aufgebote in den einzelnen Provinzen
43 Als in den ersten Jahren des spanischen Erbfolgekrieges Churfürst Max Emanuel von Bayern in Nord-Tyrol einflel, in der Absicht sich mit den unter Yendöme aus Ober-Italien durch Süd-Tyrol vordringenden Franzosen zu vereinigen und hiedurch das Land Tyrol dem Kaiser zu entreissen, zeigte sich, wie wenig die Regierung des Landes1), sowie die Stände, für eine schnelle und geregelte Organisierung der Landes-Ver- theidigung vorgesorgt hatten. Es mangelte an Offleieren zur Führung der Abtheilungen der Miliz-Regimenter, es mangelte an Gewehren zur Bewaffnung der Militioten, die Festungen waren ungenügend mit Geschütz versehen u. s. w. Da auch der zur Leitung der Landes-Defensions-Anstalten unter dem Titel eines „Militär-Directors” bestellte kaiserliche FML. Freiherr von Gschwind, dem ein viergliedriger Ausschuss der Stände, der „Defen- sions-Rath”. welcher hauptsächlich über die nothwendigen Befestigungen berieth, zur Seite stand, einerseits nicht die nöthige Energie entwickelte, andererseits nicht im Einklänge mit den Civil-Behörden handelte, so wäre es Max Emanuel wohl leicht gewesen, seinen Plan auszuführen, wenn nicht der aufflammende Patriotismus der Landbevölkerung, welche sich geführt von einigen thatkräftigen Männern rasch an den bedrohten Punkten in mehr oder minder organisierten Landsturm-Formationen sammelte, unterstützt von den wenigen vorhandenen kaiserlichen Truppen, Hilfe gebracht hätte. Besonders brauchbar aber erwiesen sich nunmehr die auch in grösserer Anzahl sich bildenden „Scharf- oder Scheibenschützen-Compagnien”2), welche durch ihre Geschicklichkeit in der Handhabung der Waffe und ihre Vertrautheit mit dem Terrain die geftirchtetsten Gegner der Bayern und Franzosen wurden s). Die erste Erhebung fand schon 1702 statt, wo Abtheilungen des Landsturmes im Vereine mit solchen des 4. Land-Miliz-Regiments den geplanten Ueberfall auf Riva vereitelten. Als Mitte Juni 1703 die Truppen Max Emanuel’s factisch in Nord- Tyrol einbrachen, wurden in aller Eile einige Abtheilungen des 1. Miliz-Regiments, dessen Commandant Obrist Graf Althann zugleich Land-Obrist war4), dessen Energie aber gleichfalls viel zu wünschen übrig liess, nach Kufstein und Rattenberg verlegt; doch vermochten dieselben nicht den Verlust dieser Plätze zu hindern, auch das in Eile zusammengeraffte Aufgebot aller Wehrfähigen des Unter-Inn-Thales vom 18. bis 60. Jahre konnte das Vordringen der Bayern nicht aufhalten. Erst als Max Emanuel schon die Hauptstadt in Besitz genommen, rafften sich die Stände zu kräftigerem Entschlüsse auf, in Brixen bildete sich ein „Interims-Directorium”, ausserdem in Bozen und Trient „Schutz- Deputationen”, welche Behörden sämmtlich unter der Leitung des Landes- Ilauptmannes Grafen Künigl standen. Diese organisierten nun im Vereine mit den Militär-Behörden6) die Vertheidigung des Landes und den allgemeinen Aufstand nach einem gemeinsamen Plane. Als eine Folge dieser Dispositionen sammelten sich auch sofort eine grössere Anzahl von Schützen und Landsturmmännern aus dem Etsch-Lande, ') Nach der Wiedervereinigung Tyrols mit den Erblanden (1665) stand eine Zeit lang der Herzog Carl von Lothringen als „Gobernator” von Vorder-Oesterreich an der Spitze der Regierung, „des Regiments” in Innsbruck. Nach dessen 1690 erfolgtem Tode fungierte bis 1706 als oberste Behörde der „ober und niederösterreichische geheime Rath” in Innsbruck, welcher Stelle 1698 für das Militii rwesen ein kaiserlicher General, l'.ML. Gschwind beigegeben wurde, der aber diesen Dienst erst 1702 antrat. 2) Aus den früher erwähnten Scheibenschützen-Gesellschaften hervorgegangen. 3) Schon am 10. Januar war die Stellung von 200 Schützen nach Salurn angeordnet worden, wo sie unter das Commando des Hauptmann Cazzan traten. JedemManne waren 30 Kreuzer täglich bewilligt. (Nosinich in „Streffleur” 1834, II. Band, Seite 131.) 4) Erstes Regiment, Obrist Max Maria Graf Alth ann, 2350 Mann stark; zweites, Obrist Ludwig Graf Lodron, 2016 Mann; drittes, Obrist GeorgEriedrich Graf Spaur. 2054Mann, endlich das vierte. Obrist Franz Sebastian Graf Lodron, 1891 Mann. (K. A„ F. A. Bayern und Tyrol 1703, XHI, 104; welcher Act auch eine vollständige Namensliste aller Officiere und Feldwebel enthält.) ß) FML. Gschwind wurde abberufen; an seine Stelle trat vorübergehend FML. Guttenstein, dann FZM. Heister; die erfolgreichste Thätigkeit aber entwickelte GFWM. Solari.