Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 2. (Dritte Folge, 1903)

Hauptmann Criste: Die österreichische Truppen-Aufstellun gegen Preussen und Polen, 1790

26 Criste. ganzen preussischen Macht sicher zählen können”. Dies, dann die Umtriebe Luchesini’s in Warschau, die offenbar dahin giengen, die Republik auf die Seite der Gegner Oesterreichs zu ziehen, die misslichen finanziellen Verhältnisse, die schlechte Ernte in diesem Jahre in Ungarn, endlich die „momentanische Nullität” Frankreichs, von dem nichts zu erwarten war, ver- anlassten den Staatskanzler, den Abschluss eines Friedens mit der Pforte ins Auge zu fassen. Selbst vor die Wahl gestellt, zu einer Vergrösserung Preussens die Hand zu bieten oder diesen Staat und die Türkei gleichzeitig zu bekriegen, hätte er ersteres vorgezogen. Um aber auch diese unangenehme Möglichkeit zu verhindern, musste eben so rasch als möglich Frieden geschlossen werden1). Im Sinne dieser Anschauungen wurde einBevolhnächtigter an die Pforte gesandt, um auf Grundlage des gegenwärtigen Besitzstandes einen Waffenstillstand, auf ein Jahr, womöglich auf zwei Jahre zu schliessen; in Dresden wurde daran ge­arbeitet, die Neutralität Sachsens zu erlangen, dem Londoner Cabinet der Antrag zu einer Defensiv-Allianz gestellt, da England nicht eifersüchtig schien auf die Waffenerfolge dieses Jahres und die ,,incendiarischen Projecte des Grafen Hertz­berg keineswegs billigte, vielmehr ausdrücklich bemerkte, der König in Preussen müsse bedenken, dass die englischen Ver­bindungen mit ihm geflissentlich defensiv sind1 2)”. Ob diese Massnahmen Erfolg haben würden, mussten die nächsten Wochen lehren, am Schlüsse des Jahres 1789 war die Lage Oesterreichs zweifellos die denkbar gefährlichste. Ohne gegründete Aussicht auf die Hilfe auswärtiger Freunde, erhob sich nun auch der Sturm im Innern des Reiches, die Niederlande waren, so schien es, unwiederbringlich verloren, die Gährung in Ungarn und Galizien stieg mit jedem Tage, die Einflüsterungen Preussens in der Türkei, in Polen und in den insurgierten Landestheilen machten sich immer fühlbarer. Von dem ganzen Umfang der gegen ihn gerichteten Um­triebe hatte Joseph II. freilich keine Kenntnis, aber soviel wusste er doch, dass irgend ein Anschlag geplant sei. Seine 1) Kaunitz an Cobenzl, 18. 19. October 1789. (H. H. u. St. A.) 2) Kaunitz an Cobenzl, 6. December 1789. (H. H. u. St. A.)

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