Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 1. (Dritte Folge, 1902)

Hauptmann von Hoen: Der Strassenkampf in Paris am 28. und 29. Juli 1830

Der Strassenkampf in Paris am 28. und 29. Juli 1880. 85 geworfen. Wohl zweifelten noch die zaghaften Deputierten an diesem Erfolge, denn thatsächlich hatten alle Colonnen die ihnen zugewiesene Aufgabe durchgeführt, und war selbst Quinsonnas aus seiner bedenklichen Lage durch die Schweizer befreit worden, aber die Truppen hatten das niederschlagende Gefühl, trotz ihrer Tapferkeit vom Pöbel besiegt worden zu sein. Schuld daran waren nicht die erlittenen Verluste; dieselben beliefen sich auf etwa 400 Mann, weniger als man unter den ungünstigen Verhältnissen erwarten konnte, aber das moralische Gefühl drückte die Truppen nieder. Im offenen Kampfe, auf den Barricaden, konnten die Empörer nicht widerstehen, aber es erschienen immer neue Feinde und fanden in den Stockwerken der Häuser sicheren Schutz. Diese Feinde waren vertraut mit der Oertlichkeit, leicht gekleidet, mit Speise und Trank versehen, von der allgemeinen Stimmung angespornt; die Frauen riefen ihnen Muth zu, die Zuseher klatschten ihnen Beifall. Waren sie ermattet, so wurden sie gelabt und sofort durch neue Streiter ersetzt. Anders die Soldaten! Sie waren seit Dienstag mittags, mit kurzer Unterbrechung während der Nacht, unter den Waffen, mussten bei einer Hitze von 28° Reaumur im Schatten, schwer bepackt, beschwerliche Märsche machen und kämpfen. Seit der Frühsuppe hatten sie nichts zu essen bekommen, die feindselige Bevölkerung verweigerte ihnen sogar einen Trunk Wasser. Dabei sahen sie das ganze Volk, ihre Brüder und Verwandten gegen sich; dieser Umstand, der Mangel an Erfolg und die Einflüsterungen verschiedener Agitatoren weckten mehr und mehr Zweifel, ob die königliche Sache eine gerechte sei*). Trotzdem kämpften die Truppen, nament­lich die Garde, tapfer und unermüdlich. Der Lohn für diese Haltung war am Abende der allgemeine Rückzug vor dem Pöbel; Alles fühlte, dass man trotz unvergleichlicher An­strengungen eine Niederlage erlitten hatte. Der Franzose findet in solchen Augenblicken stets ein Mittel, welches seine verletzte Eitelkeit wieder herstellt, er spricht vom Verrath. Der wenig beliebte Marschall, dessen *) Einige Officiere der Garde sollen abends ihren Abschied ein­gereicht haben.

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