Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 1. (Dritte Folge, 1902)
Hauptmann von Hoen: Der Strassenkampf in Paris am 28. und 29. Juli 1830
H o e n. unentschlossene Haltung allen sichtbar war, wurde des Ver- rathes beschuldigt. Sehr enttäuscht waren die Soldaten auch, als sie nach der Rückkehr zu den Tuilerien vernahmen, dass die königliche Familie noch immer in St. Cloud weile. Sie hatten gehofft, die Dynastie, für die sie kämpften, in ihrer Mitte zu linden. Während der Nacht verschlimmerte sich die Lage der Truppen. Sie waren vom Kampfe erschöpft, mussten aber in strengster Gefechts-Bereitschaft verharren. Ihre Munition war grösstentheils verschossen, Verpflegung war nicht vorhanden. Der Unter-Staats-Secretär des Krieges, General von Cham- pagny, hatte zwar nichts-unversucht gelassen, seiner Sache zu dienen, aber man hatte ihn über die Ereignisse nicht unterrichtet. Der in militärischen Dingen ganz unfähige und unerfahrene Fürst Polignac bekam die Nachrichten und traf hienach seine unzureichenden Anordnungen. Trotzdem hatte Champagny einerseits die Kunde von der Bedrohung des Verpflegs-Magazins sofort in das Haupt-Quartier geschickt und andererseits, als die dahin entsendeten zwei Compagnien Invaliden entwaffnet wurden, den Commandanten des Invalidenhauses veranlasst, die in seinem Bereiche befindlichen Lebensmittel in einem Proviant-Magazin aufzustapeln. Als dies geschehen und das nöthige Transport-Fuhrwerk mit Mühe aufgetrieben war, konnte man nicht mehr zu den mittlerweile zurückgegangenen Truppen, da die Rebellen sofort die Verbindung unterbrachen1). So waren auch die Bemühungen Champagny’s, des einzigen höheren, leider nicht ausschlaggebenden Führers, der daran gedacht hatte, dass die Truppen auch genährt werden müssen, vergeblich. Was nützte der anderthalbmonatliche Sold* 2), da man sich nichts dafür 86 J) Nach Gervinus sollen im Laufe des Tages die Grenadiere zu Pferd zur Abholung der Vorrätbe dahin entsendet worden sein. Sie kamen hiebei in eine so üble Lage, dass sie erst durch ein Bataillon Schweizer aus den Volksmassen befreit werden mussten. Marmont erwähnt hievon nichts. 2) Den nach Gervinus nur ein Regiment wirklich ausbezablt erhielt.