Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 10. (Neue Folge, 1898)

Die Prager Juni-Ereignisse 1848

288 Die Prager Juni-Ereignisse 1848. Die Insurgenten, welche den Abzug der Garnison in der Nacht für das gänzliche Aufgeben der Stadt hielten, benutzten diese Gelegenheit zur Ermuthigung ihrer Anhänger; Placate wurden verbreitet, in welchen der Sieg der Prager über eine ,,grausame Soldatesca“ bekannt gemacht, ein selbstständiges böhmi­sches Ministerium, ein böhmischer Commandant und nationale Garnison, vor allem aber die Stellung Windisch-Graetz’ vor ein National-Gericht und Entfernung seiner Grenadiere und übrigen Truppen aus der Provinz begehrt wurden. Umso grösser war der Schrecken für die Umsturzpartei, als sie im Glanze der Morgensonne des 15. Juni ihre unerbitt­lichen Eeinde im Besitze der Kleinseite und der dominierenden Anhöhen und die Geschütze und Mörser auf die Alt- und Neu­stadt gerichtet sahen. Alsbald begann ein gut gerichtetes allgemeines Feuer vom rechten Ufer auf unsere Stellungen auf der Kleinseite, das erst gegen Mittag durch einige gut angebrachte Geschützladungen zum Schweigen gebracht werden konnte. Um diese Zeit verfügte sich die Hof-Commission auf das königliche Schloss und erklärte, die einzige Hoffnung zur Beru­higung der Gemüther liege in der Uebergabe des Commandos durch den Fürsten Windisch-Graetz an den General der Cavallerie Grafen Mensdorff, welches Ersterer auch, falls die Ruhe der Stadt dadurch wiedergegeben und die Provinz dem Kaiser er­halten würde, thun zu wollen versprach. Kaum jedoch war diese Nachricht unter die Truppen gekommen, als Soldaten, Offxciere und Generale sich versammelten, laut erklärten, dies nicht zu­geben zu wollen und eine Adresse an den Fürsten mit der Bitte richteten, sie ja nicht zu verlassen und das Commando wieder in die Hand zu nehmen, die allein im Stande sei, die gute Sache, die Ehre der Garnison zu retten. Der Hof-Commission wurde laut erklärt, dass die Garnison Niemand anderem gehorche, als dem Führer, der schon einmal an ihrer Spitze die Stadt bezwungen und dass dieselbe, falls Fürst Windisch-Graetz sich entfernen würde, auf eigene Faust die Stadt stürmen, anzünden und keinen Stein auf dem andern lassen wolle.

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