Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 1. (Neue Folge, 1887)

Erinnerungen aus dem Leben des FM. Grafen Radetzky. Eine Selbstbiographie

74 Erinnerungen aus dem Leben des FM. Grafen Radetzky. Kitteln und Unterhosen und fuhr unter Tschihi und Hott und dem Gejammer der Artillerie-Officiere auf. Als ich in Prag mit der Organisation der Armee beschäftigt war, kam General Scharnhorst blessirt dahin. Ich besuchte ihn in seiner Wohnung bei den »Drei Linden« am Graben; da kam das Gespräch auf die Zukunft, wobei er mir sagte: »Oesterreich muss sich an Preussen und Russland anschliessen, dann können wir siegen, sonst sind wir verloren.« Ich sprach ihm hierauf von meiner Ansicht, welche darin bestand, die grosse Armee in mehrere Theile zu theilen, von denen jeder die erste Gelegenheit erfassen sollte, um dem Feinde Abbruch zu thun, aber jedem ernsten Stosse aus- weichen müsste. Er sagte mir: »Bleiben Sie dabei, Sie haben Recht und lassen Sie sich nicht irre machen.« In Freiburg (i. B.) musste ich am Tage vor Weihnachten des Jahres 1813 wegen administrativer Massregeln ins Hoflager des Kaisers. Der Kaiser liess mich zu sich hineinrufen und sagte mir: »Unter Anderem, wenn Sie mir mit Ihren Projecten nicht aufhören und nichts Gescheidteres haben als Ihren Operationsplan, so lasse ich Sie am Spielberg einsperren oder um einen Kopf kürzer machen.« Mit einer Verbeugung und ohne einWort zu sagen, verhess ich das Zimmer des Kaisers und begab mich zum Fürsten Schwar­zenberg, den ich, wie es seine Gewohnheit war, trotz der Jahres­zeit, bei offenem Fenster sich rasirend fand. Ich sagte ihm, was mir geschehen und bat ihn, sich einen anderen Chef des General­stabes zu wählen und mir eine Division zu geben, da ich unter diesen Verhältnissen unmöglich bleiben könne. Da trat eben der Oberst-Kämmerer Graf Wrbna ein und sagte mir, der Kaiser lade mich zur Tafel. Ich erschien, ass keinen Bissen, bemerkte jedoch, dass der Kaiser immer auf mich herübersah. Nach dem Essen kam der Kaiser auf mich zu und fragte mich: »No, wie geht’s, Radetzky?« Ich: »Sehr schlecht, Euer Majestät.« Der Kaiser: »Warum?« Ich: »Weil ich die Gnade Euer Majestät verloren habe; aber erlauben Euer Majestät eine Frage: Haben Euer Majestät den Operationsplan gelesen?« Die Antwort war: »Nein.« — »So lesen

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