Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)
Die Eroberung von Ofen und der Feldzug gegen die Türken in Ungarn im Jahre 1686. (Mit eigener Paginirung)
dernd in der Stadt zerstreut, weshalb der Herzog von Lothringen dem Dragoner-Regimente Saurau die Bewachung der Bresche übertragen musste. In diesem Augenblicke traf die Nachricht ein, dass die Vortruppen der feindlichen Entsatzarmee von den Höhen herabrückten und Suleiman einen Angriff zu beabsichtigen scheine. Die Verbündeten eilten auf ihre Posten hinter der Contravallations-Linie, fanden aber weiter nichts zu thun, da der Grossvezir, der viel zu spät aus seinem Lager aufgebrochen war und nun Ofen im Besitze der Verbündeten sah, sogleich gegen Ercsény und dann, nach kurzer Rast, welche — wie Überläufer mittheilten — dazu verwendet wurde, 2000 Mann zur Verstärkung nach Stuhlweissenburg abzusenden, gegen Eszék abzog. Um 5 Uhr befand sich Stadt und Schloss von Ofen im vollständigen Besitze der Belagerer und war Ungarns ehrwürdige Metropole dem türkischen Joche, das sie 145 Jahre lang getragen, entrissen. Leider war aber mit der Eroberung das Gemetzel noch nicht beendet und die beutegierigen Soldaten machten in den Häusern noch viele Türken und Juden nieder. Da die Sieger mit unverwahrten Lichtern nach Werthgegenständen suchten oder auf die hinter Holzhaufen verborgenen Einwohner in unmittelbarster Nähe Feuer gaben, brachen an verschiedenen Stellen Brände aus und wenige Stunden nach der Erstürmung stand Ofen in vollen Flammen. Erst in der Nacht wurden der FML. de Souches und der GFWM. Wallis abgesendet, um mit ihren Truppen die brennende Stadt zu besetzen und der Plünderung Einhalt zu thun. Der ungeheure, in seinen Folgen vorläufig noch kaum zu ermessende Triumph der christlichen Waffen, der in vielen Ländern Europa’s, in denen man ein abermaliges Abbrechen der Belagerung für bevorstehend hielt, anfänglich gar nicht geglaubt wurde, hatte verhältniss- mässig geringe Opfer erfordert. Auf Seite der Kaiserlichen zählte man ungefähr 200 Todte und Verwundete und die Verluste der Bayern mochten kaum die Hälfte dieser Zahl betragen. Unter den Todten befanden sich der Obrist Marchese Spinola und der brandenburg’sche Obristlieutenant Trützschler, unter den Verwundeten der tödtlich getroffene Obristlieutenant d’Asti und der Obrist Graf Magni. Die Verluste des Feindes lassen sich kaum annähernd bestimmen, dieselben dürften jedoch weit grösser gewesen sein, als gewöhnlich angegeben wird. Nach den Aussagen der Gefangenen, deren 1600 gemacht wurden, hatte die kampffähige, türkische Besatzung am Morgen des 2. September noch über 4000 Mann betragen. Die in Ofen gefundene Beute war ansehnlich, da viele Soldaten durch dieselbe zu Wohlstand und Vermögen gelangten, dennoch aber kaum so bedeutend, wie viele zeitgenössische Berichte es aus94 Die Eroberung von Ofen und der Feldzug gegen die Türken in Ungarn im Jahre 1686-