Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1885)

Der Feldzug gegen die Türken im Jahre 1685

Der Feldzug gegen die Türken im Jahre 1685. 255 in Ungarn ernannt. Kara Ibrahim hoffte, dass sein Rivale auf diesem gefährlichen Kriegsschauplätze eine Niederlage erleiden und dann ohne weiteres Aufsehen aus dem Wege geräumt werden könnte. Der Grossvezir sollte aber diesmal einen Meister finden, der allen An­schlägen zuvorzukommen wusste. Unterstützt von seinen Freunden, verstand es Suleiman, dem Sultan die Überzeugung beizubringen, dass, wenn nicht Muhammed IV. selbst, doch aber der Grossvezir persönlich in Ungarn erscheinen müsste, um den durch viele Nieder­lagen gesunkenen Muth der Truppen wieder aufzurichten. Der Sultan, wohl wissend, dass der kränkliche und furchtsame Kara Ibrahim im Felde nicht verwendet werden könne, erhob Suleiman, welchen das Volk wegen seiner Schlauheit und Verstellungskunst mit dem Bei­namen „des Spieglers“ bezeichnete, zum Grossvezir. Dieser liess sich zunächst ein Schreiben ausstellen, welches ihm den eigenen Kopf und die fortdauernde Gunst des Sultans auch dann versicherte, wenn ihn auf dem ungarischen Kriegsschauplätze irgend ein Missgeschick ereilen sollte. Kara Ibrahim, die Ursache vielen Unglücks, wurde seines Ver­mögens beraubt, nach Rhodos verwiesen und dort noch vor dem Schlüsse des Jahres heimlich erwürgt. Der neue Grossvezir ernannte den Abdurrhaman Pascha, den greisen Statthalter von Ofen, zu seinem Stellvertreter und Seraskier in Ungarn. Die Erhebung Suleiman’s hatte die Befreiung des von Kara Ibrahim zum Tode bestimmten Emerich Thököly zur Folge. Dieser erhielt seine früheren Würden zurück und wurde, reich beschenkt und mit dem Versprechen ausgiebiger Unterstützung, nach Ungarn gesendet, wo sich seine Partei mittlerweile fast ganz aufgelöst und dem Kaiser unterworfen hatte. Leopold I. durfte von dem nächsten Jahre mit Beruhigung die Fortsetzung eines Kampfes erwarten, der -— das stand bereits ausser Zweifel, — früher oder später mit dem Zusammenbruche der türki­schen Herrschaft in Ungarn und einer wesentlichen Änderung des Machtverhältnisses der europäischen Staaten seinen Abschluss finden musste. Waren die Ergebnisse des beendeten Feldzuges auch an und für sich nicht blendend gewesen, so hatten sie doch die gewaltigen Entscheidungen, die in nächster Zeit erfolgen mussten, vorbereitet und den Höhepunkt des Kampfes glückverheissend eingeleitet. Die Allianz hatte sich durch ein weiteres Jahr ihres Bestandes etwas befestigt und in der letzten Zeit waren die Differenzen, welche zwischen den wenig zu einander passenden Verbündeten bestanden, minder grell hervorgetreten als ehedem. Namentlich die Republik Venedig schien ihren alten Antagonismus gegen das Erzhaus Österreich überwunden zu haben und mit Zuversicht eine namhafte Vergrösserung

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