Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1885)

Der Feldzug gegen die Türken im Jahre 1685

256 Der Feldzug gegen die Türken im Jalire 1685. ihrer transadriatischen und levantischen Besitzungen zu erwarten. Ausser­dem durfte auf eine Erweiterung der Allianz durch den Beitritt Russ­lands gehofft werden, welches bereits mit Polen in Unterhandlungen über diesen Gegenstand und über die definitive Beilegung alter Gebiets­streitigkeiten getreten war. Was den Fürsten von Siebenbürgen, der sich seit 1684 dem Kaiser genähert hatte, betrifft, so bestand seit der letzten Regulirung der Winterquartiere kein Zweifel mehr, dass sieh Apafi demnächst von der Pforte gänzlich lossagen und in den Schutz des Kaisers begeben werde. — Die Reichshilfe, schon 1685 sehr ansehnlich, war für den nächsten Feldzug noch ausgiebiger zu erwarten. Der Churfürst von Sachsen wollte seine Truppen lieber in Ungarn, als auf Morea operiren lassen, und zwischen dem Kaiser und Brandenburg war das alte Misstrauen im Schwinden begriffen und ein Vergleich wegen der schlesischen Erbansprüche bereits in Unter­handlung. Friedrich Wilhelm verpflichtete sich deshalb ein Corps „von wenigstens 7000 Mann“ Brandenburgern, wohlausgerüstet und mit allem „Kriegsbedarf“ versehen, rechtzeitig nach Ungarn zu senden. Vertragsmässig durfte dieses Corps niemals getheilt werden und der Commandant desselben hatte nur vom Herzoge von Lothringen Befehle anzunehmen *). Auch Karl XI., König von Schweden, hatte bereits in Aussicht stellen lassen, dass er, in seiner Eigenschaft als deutscher Reichsfürst, sich mit einem Truppen-Corps an dem Kampfe gegen die Türken in Ungarn betheiligen werde. Die militärische Bedeutung des Feldzuges 1685 und die durch diesen erreichten Erfolge sind nicht zu unterschätzen. Es wäre ebenso ungerecht als unrichtig, wenn man — wie dies schon geschehen sein dürfte — die Operationen mit den Worten charakterisiren wollte: „Die Kaiserlichen waren 1685 in demselben Masse zu vorsichtig, als sie 1684 zu unvorsichtig gewesen sind!“ Kein Beurtheiler sollte aus den Augen verlieren, dass die Campagne erst im Sommer eröffnet werden konnte und nach dem Siege bei Gran jede Offensive Lothringen’s diesen vor die Mauern von Ofen, Stuhlweissenburg oder Erlau hätte führen müssen. Für die Belagerung eines besonders starken Platzes war aber die Armee nicht ausgerüstet und ausserdem widersprach es den Grundsätzen jener Zeit, sich in vorgerückter Jahreszeit in derlei schwierige und zweifelhafte Unternehmungen einzulassen. Der Gene­ralissimus hätte das einzig Richtige gewählt, wenn er die kaiserlichen Waffen durch Ober-Ungarn bis nach Siebenbürgen vorschob, sich dadurch der — allerdings geringen — Hilfsmittel dieses weiten Gebietes versicherte, an der Theiss Stützpunkte gewann und in einer Reihe von Erfolgen der, von innerer Auflösung ereilten Insurrection *) Präliminarvertrag von Berlin, ddo. 25. December 1685. — Kriegs-Arcliiv.

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