Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1882)

Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreich Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreichs gegen die französische Revolution

410 Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr etc. erhobenen Forderungen schuldig machen würde. Wenn der König auch Siege erkämpfen sollte, so würden sie ihm theuer zu stehen kommen. Nach der Meinung des Kaisers beabsichtigte sein königlicher Gegner durch die Unterhandlungen nur Zeit zu gewinnen und durch den Zwiespalt der in Wien vorherrschenden Ansichten ohne grosse Anstrengungen und Opfer sein Ziel zu erreichen. Bei einiger Festig­keit des Wiener Cabinets würde sich der König besinnen, den Krieg ohne weiters zu erklären; er würde vielmehr dem Wunsche Österreichs sich nicht widersetzen und schliesslich, wenn alle friedenstiftenden Mittel erschöpft wären, nachgeben und in das Unvermeidliche sich fügen. Ohne die dringenden Vorstellungen der Kaiserin hätte der Kaiser, der mit seiner Armee auf der inneren Linie sich befand, offensiv operirt, indem er den König im Lager von Wölfsdorf angriff oder durch einen Einfall in die Lausitz gegen das durch weite Räume von den Streitkräften des Königs getrennte Heer des Prinzen Heinrich angriffsweise verfuhr. Die langen diplo­matischen Verhandlungen verschafften auch der österreichischen Armee- Oberleitung die Zeit, die Kriegsrüstungen zum Abschlüsse zu bringen und mit vereinter Kraft in die Action einzutreten. Die Correspondenz der Kaiserin mit dem Kaiser aus dieser Epoche bestätigt dies in vollem Umfange. Ende April berichtete Josef II., dass nach reiflicher Überlegung festgesetzt wurde, es könnte in Böhmen keine andere Vertheidigung geführt werden, als hinter der Elbe, zwischen Jaromef und Leitmeritz, indem man bei jedem dieser Orte ein Corps aufstellt und die Hauptmasse des Heeres in der Mitte lagern lässt, um sich nach Umständen rechts oder links (östlich oder westlich) in Bewegung zu setzen. Das Corps des Herzogs Albrecht in Mähren würde auf die erste Nachricht von dem Abbruche der Unterhandlungen nach Böhmen gezogen und in Mähren blos 12.000 Mann belassen werden, welche das Land vor Einfällen schützen und beim Vormarsche des Königs mit der Hauptmacht nach Olmütz sich werfen sollten. Galizien würde, mit Aus­nahme der Salinen von Wieliczka-Bochnia, ganz entblösst werden und nach Bayern wären 7 Bataillone zu detachiren. -—- Wenn die Generale Siskovics und d’Ayasassa die Cavallerie-Regimenter nicht so unzweck­mässig disponirt hätten, so wäre die Armee beisammen. Von diesem nicht mehr fernen Zeitpunkte an könnte man die Sachen auf das Schlimmste kommen lassen, ohne gegründete Besorgniss. Die von der Kaiserin geäusserten Bedenken, der König könnte über Schlesien in Böhmen einfallen, theile der Kaiser nicht. — Der Armee wurden bereits die Punkte bezeichnet, welche verschanzt und verhauen werden sollen; die Positionen gegen die Lausitz sind schon recognoscirt worden und

Next

/
Thumbnails
Contents