Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1882)

Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreich Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreichs gegen die französische Revolution

404 Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr etc. Kaiser die Märsche forcirt, am 6. Mai dort eintreffen. Indessen dauern die diplomatischen Unterhandlungen fort und ich verfuge über so viel Material, dass ich selbe bis zum 15. oder 20. Mai in die Länge zie­hen kann. Man muss auf Alles gefasst und vorbereitet sein, denn man kann sich nicht genug in Acht nehmen vor der plötzlichen Auf­wallung und dem Ungestüm eines jugendlichen Fürsten, welchen die Begierde verzehrt, Ruhm zu erwerben. 17. April. Der Krieg ist so gut wie erklärt. Es gibt kein Mittel mehr, denselben zu vermeiden, ohne ehrlos zu erscheinen; die von Wien aus noch ausständige Antwort wird gewiss nicht befriedigend lauten. Rechnen Sie daher auf den Krieg und schieben Sie alle Frie­densgedanken bei Seite, die sich jetzt als unausführbar erweisen. Graf Fink v. Finkenstein wird Ihnen vor der förmlichen Kriegserklärung die nothwendige Zeit zum Vormarsche gegen Sachsen verschaffen, damit Sie über die Österreicher einen Vorsprung gewinnen können. Dies ist Alles, was ieh Ihnen zu sagen habe, denn am 22. oder 24. d. werden wir in Action treten. 18. April. Vor vier Tagen erhielt ich zu meiner grössten Über­raschung vom Kaiser einen Brief, dem heute ein zweiter folgte.— Aus un­serer Correspondenz ziehe ich den Schluss, dass Josef II., der Unterhandlun­gen in Wien überdrüssig, das Verlangen trägt, die Lösung der Frage zu beschleunigen. Da es aber meiner Lage entspricht, die Sache in die Länge zu ziehen, so werde ich Mittel in Anwendung bringen, um diesen Zweck zu erreichen. Indessen verzweifle ich an dem Gelingen meiner Bemühungen, da der Kaiser seine Armee bis 25. d. vereinigt haben wird. Es ist nicht zu erwarten, dass er mit gekreuzten Armen neue Unter­handlungen eröffnet; sind Sie daher auf der Hut und bereiten Sie sich darauf vor, die kaiserlichen Streitkräfte bald in der Bewegung gegen die Lausitz zu sehen. 19. April. General Podgurski meldet, dass die Österreicher ihre Armee-Magazine von Reichenberg nach rückwärts verlegen; es mangelt ihnen an Fourage und an Geld. Meine ganze Armee wird bis 3. Mai beisammen sein. Die grosse Schwierigkeit besteht darin, den Monat Juni zu erreichen, vor dem wir mit Erfolg nichts unternehmen können. 20. April. Der Kaiser hat seine Einwilligung zu einer förm­lichen Unterhandlung über die strittigen Angelegenheiten gegeben. Die Materie ist von allerlei Schwierigkeiten umgeben. Was aber auch immer kommen möge, so erlangen wir von zwei Dingen eines: entweder gewinnen wir Zeit zur Vereinigung der Armeen und den Monat Juni hinzu oder die Österreicher geben den Vorstellungen Frankreichs, Russlands und den unseligen nach. — Bis 20. April hatte also der König die Eröffnung des Krieges und die Invasion der Lausitz von Seite der Österreicher fast täglich erwartet und war demzufolge wegen der noch nicht vereinigten, von

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