Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1882)
Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreich Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreichs gegen die französische Revolution
402 Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr etc. hunderten nicht wiederkehre, und nur eine gleichförmige, gelassene, aber zugleich feste Sprache werde im Stande sein, diese so verworrene Angelegenheit einem gedeihlichen Ziele zuzuführen. Die kriegerische Lust des Königs sei sehr klein, sein Wunsch, die Lausitz zu erlangen, sehr gross. Wenn man daher bei einer billigen und festen Sprache beharre, werde der grosse Friedrich mit seiner Xerxes-Armee endlich doch seine Don Quixotische Sprache für das Heil Deutschlands massigen und seinen wesentlichen Vortheilen und der Ruhe seiner alten Knochen das Übrige opfern“ '). Kriegserklärung Preussens an Osterreich;Besorgnisse einer Invasion der Lausitz; Unfertigkeit der gegenseitigen Kriegsrüstungen. Auf das österreichische Ultimatum erfolgte am 3. Juli die preussi- sche Kriegserklärung, in Folge welcher die Gesandten beider Höfe in Wien und Berlin ihre Posten verhessen. Über die Unterhandlungen zwischen Österreich und Preussen vom Monat Mai und Juni bemerkt der König in seinen hinterlassenen Schriften * 2): „Er habe sehr gut begriffen, dass Kaiser Josef dadurch Zeit gewinnen wollte, um seine gesammten Truppen in Böhmen zu concen- triren und alle zu besetzenden Punkte zu verschanzen, die Artillerie- und Trainbespannungen, an denen die Armee noch Mangel litt, zu beschaffen und Lebensmittel anzuhäufen. Da es aber von Wichtigkeit schien, Mässigung in der aufgeworfenen Streitfrage zu zeigen, um weder Frankreich noch Russland zu missfallen, betrat er den Weg der Unterhandlungen, obgleich deren Ausgang leicht vorauszusehen war.“ Diese Version befindet sich nicht ganz in Übereinstimmung mit den durch Thatsachen beglaubigten Verhältnissen. Aus der Correspondenz des Königs mit dem Prinzen Heinrich, in der Zeit vom Monat März bis Anfang Juli 1778, nämlich geht zunächst hervor, dass er anfänglich, die Kriegsrüstungen der Österreicher und die Kriegs- und Unternehmungslust ihres jugendlichen kaiserlichen Feldherrn zu hoch anschlagend, in der Besorgniss schwebte, die in Böhmen concentrirte Armee würde durch die Invasion Sachsens und der Lausitz die Offensive ergreifen und im Verlaufe des ganzen Feldzuges die Initiative sich bewahren. Diese Befürchtung wurde theils durch den grossen Raum, welcher die beiden preussischen Heere von einander trennte, theils durch die Zersplitterung und unvollständige Ausrüstung der von dem Prinzen Heinrich befehligten Streitkräfte, endlich durch die von jenseits der Grenze, namentlich von Wien *) Note des Kaisers vom 18. Juni 1778. (St.-A.) 2) Oeuvres posthumes de Frederic IÍ, roi de Prasse.