Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs - Die Occupation Bosniens und der Herzegovina (1879)

Einleitung

68 Die Ereignisse in Bosnien und der Hercegovina v. Jahre 1875 bis Ende Juli 1878. Zu derselben Zeit — Monat März — verschlimmerten sich die Zustände des Landes. In den vom Centrum entfernten Bezirken ver­mehrten sich die Insurgentenhaufen und plünderten Türken und Christen. In Folge dessen nahmen die ottomanischen Behörden ganze Schaaren unschuldiger Christen fest und führten sie in die Gefängnisse von Sarajevo ab. Die zur Säuberung der Gegend von Insurgenten und Räubern ausgesandten mobilen Colonnen und Commanden lebten grösstentheils auf Kosten der verarmten Landbevölkerung. Die politische Agitation trat wieder an die Tagesordnung. Serbische und montene­grinische Agenten, mit bedeutenden Geldmitteln versehen, durchzogen Bosnien und die Hercegovina nach allen Richtungen und operirten bei Muhammedanern und Orthodoxen, um sie für die Occupation zu gewinnen. Das Treiben im Innern und die über das Schicksal des Landes schwebende Ungewissheit, liess weder die Bevölkerung noch die Regierung zur Ruhe kommen. Einige Begs der Posavina, welche keine schriftlichen Verträge mit ihren Pächtern bezüglich der Pacht­gründe in Händen hatten, entzogen selben den Pacht aus Besorgniss, eine neue Ordnung der Dinge könnte die Pächter in Eigenthiimer verwandeln. Freiherr v. Haymerle berichtete hierüber ddo. Rom, 2. März 1878, F olgendes: „Herr . . . ., bekannt als einer der activsten Theilnehmer an der gegenwärtigen Bewegung auf der Balkan-Halbinsel, hat mir den gegen­wärtigen Zustand der Hercegovina als den traurigsten geschildert; die Bevölkerung habe wenigstens um die Hälfte abgenommen; er schätzt die Anzahl der Christen auf 80.000, die der Muselmanen auf 40.000. Die meisten wehrkräftigen Männer seien in Montenegro noch heute in Bataillone getheilt, die armen Flüchtlinge seien theils in Dalmatien, theils in Montenegro, wo sie grösstentheils durch russische Unter­stützung leben. Herr .... versicherte, früher Anhänger und Verfechter einer Autonomie dieser Provinzen gewesen zu sein; heute aber müsse er bekennen, dass nur eine starke Macht im Stande sei, diesen Ländern aufzuhelfen. Er glaube nicht, dass man in der Hercegovina montene­grinische Herrschaft wünsche; ebenso wenig sei Serbien in Bosnien populär. Eine hartnäckige Opposition der Türken sei nicht mehr zu erwarten, denn in der Hercegovina seien die frühem türkischen Begs auf das Aeusserste heruntergekommen, und in Bosnien müssen die Türken einsehen, dass nur eine unparteiische Regierung ihren Bestand mitten unter den Christen sichern könne.“ — In demselben Sinne be­richtete auch das Consulat in Mostar am 21. März: „Da den Muselmanen unter montenegrinischer Herrschaft Be­schädigung an Besitz und Beeinträchtigung im Glauben bevorsteht, so ist es erklärlich, dass der Eintritt dieses Ereignisses von ihnen als das grösste Unglück angesehen und gefürchtet wird.“ Die türkischen Militärbehörden, anstatt nach geschlossenem Frieden zur Demobilisirung der Streitkräfte zu schreiten, verfügten erhöhte Marschbereitschaft und vervollständigten die Vertheidigungsmassnahmen. Das General-Commando in Sarajevo erhielt Ende März den Befehl, die

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