Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 3. (1878)
Das Bildungswesen im österreichischen Heere vom dreissigjährigen Kriege bis zur Gegenwart. (Beitrag zu Culturgeschichte Österreichs.) Nach Originalquellen von Josef Ritter Rechberger von Rechkron, Major im k. k. Kriegs-Archiv
50 Das Bildungs wesen im österreichischen Heere Jene Zöglinge der Unter-Erziehungshäuser, welche Waisen, oder deren Eltern völlig mittellos waren, fanden in dem Waisenhause zu Wien Aufnahme. Andere hingegen wurden mit Stipendien betheilt. Wie schonungsvoll die Heeresleitung gegen die Angehörigen der Armee vorging, zeigt der Zeitraum, auf welchen sie die successive Auflösung der Erziehungshäuser ausgedehnt hatte. Das Rütteln an althergebrachten, mit der Armee und ihren Traditionen verwachsenen Einrichtungen war und bleibt schwierig; denn es muss dem Bestandenen und zugleich auch der Zeit und ihren Forderungen Rechnung getragen werden. e) Das Militär-Waisenhaus zu Fischau. Obschon die im Wiener Waisenhause untergebrachten Knaben des Soldatenstandes erwünschte Pflege und den nöthigen Unterricht fanden, so blieb doch die Aussicht für ihre Zukunft mehr oder weniger dem Zufalle anheimgogeben. Die Heeresleitung erachtete es darum für ihre Pflicht, so weit es in ihren Kräften stand, das Schicksal dieser Knaben selbst zu lenken, und dies führte 1877 zur Errichtung des Militär-Waisenhauses zu Fischau für 100 Zöglinge '). Diesen ist ausnahmslos der Weg eröffnet, dereinst als Officiere in das Heer ein- treten zu können, und die Begabteren finden Aufnahme in den höheren Lehranstalten, was ihnen die Möglichkeit bietet, selbst die höchsten Stufen der Militär-Hierarchie zu erklimmen. Bei dem Vergleiche der Uranfänge des Knaben-Bildungswesens mit dem heutigen Stande desselben zeigt sich der gewaltigste Fortschritt der allgemeinen humanen Anschauungen. Vor einem Jahrhundert durfte der Sohn des Soldaten aus dem Mannschaftsstande kaum ein viel besseres Loos erwarten, als dem Vater zugefallen war. Heute steht ihm die gleiche Bahn mit Jenem offen, an dessen Wiege die Fürstenkrono prangt. 2. Cadeten. a) Die Stellung der Cadeten in der Armee. Das Verhältniss, welches die Cadeten in der österreichischen Armee in den verschiedenen Zeitabschnitten einnahmen, ist ein so eigenartiges, dass, würde dasselbe nicht vorweg auf Grund der Acten klar gelegt, der Sinn gewisser Bestimmungen unverständlich bleiben müsste. Am 1. December 1751 befiehlt Kaiserin Maria Theresia: „des Hauptmanns Girod Sohn als Cadeten zum Harrach-(Infanterie-) Regiment zu geben und Ime die gewöhnliche Portion abzureichen und benebst noch bis zu seinem weiteren Avancement aus der ') Armee-Verordnungsblatt Nr. 45, 1877, Präs. Nr. 3462.