Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 3. (1878)

Das Bildungswesen im österreichischen Heere vom dreissigjährigen Kriege bis zur Gegenwart. (Beitrag zu Culturgeschichte Österreichs.) Nach Originalquellen von Josef Ritter Rechberger von Rechkron, Major im k. k. Kriegs-Archiv

32 Das Bildungswesen im österreichischen Heere doch schon zu innig mit dem Volksleben verwachsen, als dass die berührten Erscheinungen hätten völlig spurlos an ihr vorübergehen sollen. Der Verlockung fiel die Jugend leicht zum Opfer, und ihr folgte mancher Jüngling insoferne, als er, der Bildungsanstalt noch nicht entwachsen, die höchste Verzinsung seines lange nicht erworbenen geistigen Capitales schon auf das eifrigste berechnete. Erscheinungen, wie die volkswirthschaftliche Krisis, haben sich im Laufe der Zeiten wiederholt und sind eben nichts weiter, als eine vorübergehende Krankheit des gesellschaftlichen Lebens. Diese aber führte zur Überzeugung, dass die Heeresleitung nach dem von jeher befolgten Grundsätze, so weit dies möglich, für die Heranbildung eines ausreichenden und tüchtigen Officiers-Nachwuchses selber sorgen müsse und dieses Geschäft nie anderen Händen überlassen dürfe, sollen nicht unvorherzusehende Einflüsse, ähnlich den angeführten, der Armee ihre Grundpfeiler abermals entziehen. Glücklicherweise gestatteten die friedlichen Verhältnisse in Europa ein rechtzeitiges Einlenken zu Massnahmen, welche die Vorbereitung der im nächstfolgenden Zeitabschnitte erweiterten und consolidirten Institutionen bildeten. Durch grossartige Erfindungen auf allen Gebieten des Kriegs­wesens und in Folge wichtiger Erfahrungen aus den blutigen Kriegen des letzten Decenniums wurden die militärischen Wissenschaften derart erweitert und ergänzt, dass die Bestrebungen auf militärisch-literari­schem Gebiete bei dem Drange nach erweiterter Bildung im Heere sich abnorm gestalteten. Einem Strome gleich, der weithin seine Ufer überfluthet, erschienen literarische Erzeugnisse aller Disciplinen des fachlichen Wissens; doch was die Militär-Literatur an Breite ge­wann, büsste sie in manchen Richtungen an Tiefe ein. Die scientifische Bildung des Einzelnen wurde nicht blos in der Ausdehnung der Materien, sondern auch in deren möglichst grosser Zahl gesucht. Zweifellos war das Kriegswesen auf einem Standpunkte angelangt, welcher selbst bei dem untergeordneten Gliede ein nicht unbedeuten­des Mass positiver Kenntnisse erforderte. Doch übersah man, dass bei der riesigen Anhäufung des Stoffes das Geheimniss zu seiner Bewälti­gung in der richtigen Theilung der Arbeit zu suchen sei. Als der staatliche Unterricht in allen seinen Zweigen, auf ein ein­heitliches Princip basirt, den Höhepunkt erreicht hatte, konnte natur- gemäss das Militär-Bildungswesen den früher mehr exclusiven Cha­rakter verändern. Der Elementar-Unterricht, welcher ehemals viel Zeit, Geld und Kraft absorbirte, wurde für die militärische Ausbildung über­flüssig, und dadurch war es möglich, dieser erweiterte Mittel zuzuwenden. Abgesehen von solcher Vereinfachung und von der Erweiterung des militär - wissenschaftlichen Unterrichtes nach den Forderungen

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