Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 3. (1878)

Das Bildungswesen im österreichischen Heere vom dreissigjährigen Kriege bis zur Gegenwart. (Beitrag zu Culturgeschichte Österreichs.) Nach Originalquellen von Josef Ritter Rechberger von Rechkron, Major im k. k. Kriegs-Archiv

20 Das Bildungswesen im österreichischen Heere wie die Stärke der Wehrmacht nicht blos in der Zahl der Kriegei', sondern auch in deren Fachbildung, Geist und Selbstgefühle liege. Gleichwie die Staatsmänner: Haugwitz, Kaunitz u. s. w. für die Hebung des geistigen und moralischen Elementes im Volke arbeiteten, ebenso waren für jene im Heere die Generale Leopold Daun, Laudon, Lacy, Wenzel Liechtenstein u. v. A. thätig. Und nach der grossen Kaiserin und deren erleuchtetem Sprossen schuldet die Armee zunächst jenen Männern und ihrem Zusammenwirken den Dank für Institutionen, von denen einzelne bis zur Gegenwart ihre segens­volle Macht ausüben. Es waren dies die Rogiments-Knaben-Erziehungs- häuser, die Ingenieur-Akademie, das Bombardier-Corps, die Cadeten- schule zu Wiener-Neustadt, die Josefs-Akademie, das Thier-Arznei- Institut und das Officiers-Töchter-Institut. Zweiter Zeitabschnitt. (Vom Ausbruche der französischen Revolution 1789 bis zu den politischen Bewe­gungen 1848—1849 in Mittel-Europa.) Gegen Ende des 18. und im Beginne des 19. Jahrhunderts schien in Folge der veränderten politischen Regierungs - Massregeln ein Stillstand im geistigen Leben eingetreten. Dieses aber hatte all­seitig schon zu tiefe Wurzeln gefasst, als dass es nicht erstarkt, und die innere Kraft nicht zum Bewusstsein gelangt wäre. Im Gegensätze zu den Kriegen der Vergangenheit, welche den Fortschritt in der Cultur hemmten, wirkten jene, in denen Österreich zum Vorkämpfer für die Befreiung Europa’s vom französischen Über­gewichte wurde, nur befruchtend, wenngleich die conservativen Ten­denzen der bevorzugten Classen, welche ihre Vorrechte bis zum Ende des Zeitabschnittes behaupteten, entgegenwirkten. Naturgemäss fand die Gegenströmung im Adel, im Clerus und in einer zur Macht heran­gewachsenen staatlichen Beamten-Hierarchie ihre Stützen. Das im niederen Gewerbe vertretene Bürgerthum blieb der Mehr­heit nach an dem geistigen Aufschwünge durch das Zunftwesen gehindert und verharrte in einem Zustande der Apathie. Der Versuch, von Seite der Regierung die Emancipation vom Zunftzwange dadurch anzubahnen, dass „Befugnisse“ ertheilt wurden, welche die freie Ausübung der Gewerbe gestatteten, kam nicht zum gedeihlichen Durchbruche. Unge­achtet dessen aber hatte sich in den grösseren Städten und nament­lich in Wien ein geistig strebsames Bürger-Element ausgebildet, zu welchem vornehmlich die Classe der bedeutenderen Fabrikanten gehörte. Auf die sociale Stellung des Bauernstandes waren die von Maria Theresia und Josef II. angebahnten Reformen1) nicht ohne Nach- *) *) Die Leibeigenschaft in Böhmen, Mähren und Schlesien wurde am 1. Novem­ber 1781, in Galizien am 5. April 1782, und in Ungarn am 11. August 1785 aufgehoben.

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