Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 3. (1878)

Das Bildungswesen im österreichischen Heere vom dreissigjährigen Kriege bis zur Gegenwart. (Beitrag zu Culturgeschichte Österreichs.) Nach Originalquellen von Josef Ritter Rechberger von Rechkron, Major im k. k. Kriegs-Archiv

vom dreissigjährigen Kriege bis zur Gegenwart. 11 Das Bürgerthum, in welche Gesellschaftsclasse Graf Kaunitz den „Gewerbe“ und „Handel“ treibenden Theil der Bevölkerung zählte, befand sich in einem Zustande der Verkümmerung, welchen der end­lose Krieg nach sich gezogen hatte. Erhöht wurde der fast gänzliche Verfall durch die geographische Lage Österreichs, welches von Län­dern umgeben war, die zum Theile leicht ihr Fabriks- und Manufactur- wesen zur Blüthe brachten, weil ihnen zahlreiche Absatzwege offen standen, zum Theil jene Bodenproducte im Überflüsse besassen, durch deren Ausfuhr der österreichische Handel belebt und gekräftigt worden wäre. Naturgemäss führte der allgemeine Stillstand zum Marasmus, welchen Graf Kaunitz in einem detaillirten Vortrage schildert. Er weiset nach, wie ein verrottetes Zunftwesen *) Übelstände hervorgerufen habe, die in den Städten viel mehr als auf dem flachen Lande, und am meisten in Wien um sich gegriffen, erklärt aber, dass die Bevöl­kerung der Residenz gut und gelehrig sei, und dass dem Gewerbe- und Handelsstande die eingehendste Sorge zugewendet werden müsse. Dem reiht er die Bemerkung an: „Erst sei das Herz des Volkes und dann dessen Geist zu bilden; den Bürgern seien Sitten zu geben, ehe man Dienste von ihnen verlangen könne; jeder müsse über seine Pflichten aufgeklärt werden, ehe man deren Erfüllung fordern dürfe*).“ Einen Commentar zu dem Urtheile des österreichischen Staatsmannes liefert der Bericht des k. k. Unterrichts-Ministeriums, dass noch „im Jahre 1770 erkämpft die völlig herabgebrachte Armee bei Sibo einen Sieg, welcher in der Kriegs^ geschichte seines Gleichen sucht. — Ein ferneres Kennzeichen liegt in dem schnellen Aufgehen des neu Eintretenden in die Allgemeinheit des österreichischen Officiers- geistes; so äussert sich ein unmittelbar aus dem Elternhause in die Armee als Fähnrich eingetretener Jüngling 1761 in einem Briefe aus dem „Cantonnirungs-Quartier Plauen unweit Dresden“ gegen seinen Bruder: „Die Ursach, warum ich etwas lang nicht geschrieben“ .... „Dieweil ich anjezo in wahrhaft soldatischen Umständen bin, welche da seind, krank und kein Geld, das Fieber setzt mir schon lang zu und mich schon sehr überdrüssig macht, allein es muss doch einmal besser werden“. Und doch hatte sich dieser Officier „durch seine persönliche Tapferkeit und sein kluges Benehmen“ in den Schlachten bei Torgau und Freiberg (1760 und 1762), im Gefechte bei Trauenstein etc. die Erhebung in den Freiherrnstand erworben. — Das Pflichtgefühl aber und die Hochschätzung des selbstgewählten Berufes findet seinen Ausdruck in dem Schreiben eines jungen Officiers aus Hamburg vom Jahre 1851, als Antwort an seine Eltern, welche ihm durch Übersetzung in das damals zur Errichtung gelangte Militär-Geographen-Corps eine rasche Beförderung in Aussicht stellten .... „iglp jsuche meinen Ehrgeiz nicht darin, eher als ein Anderer einen hohen Rang einzunehmen, sondern darin, in jeder Stellung vollkommen, und wenn möglich mehr als alle übrigen zu entsprechen“ .... „Gerade jetzt ist der Zeitpunkt, wo mich der Gedanke, eine andere Verwendung zu erhalten, mit Entsetzen erfüllt. Ich sage jetzt, wo ich bei unserem Zuge (nach Holstein) in jeder Gelegenheit fühlte, dass ich mit 21 Jahren einen Rang, eine Stellung einnehme, wie ich sie nie, gar nie, in dieser Art, in einem anderen Berufe erlangen kann“. So war, so ist der öster-, reichische Officier, und so soll er auch für alle Zukunft bleiben! *) Am 23. December 1775 überreichte Josef II. der Kaiserin eine Denkschrift, in welcher er die Aufhebung der Zunftgesetze befürwortet, nämlich „es sollte Jedem die Freiheit zugestanden werden, zu treiben, was ihm am nutzbarsten seheine“. (C.-A. Sr. Majestät.) 2) C.-A. Sr. Majestät. Denkschrift des Grafen Kaunitz.

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