Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 3. (1878)

Das Bildungswesen im österreichischen Heere vom dreissigjährigen Kriege bis zur Gegenwart. (Beitrag zu Culturgeschichte Österreichs.) Nach Originalquellen von Josef Ritter Rechberger von Rechkron, Major im k. k. Kriegs-Archiv

12 Das Bildungswesen im österreichischen Heere von 100 schulfähigen Kindern, als welche man die Kinder vom 5. bis 13. Jahre bezeichnete, selbst in Wien nur 24, in dem übrigen Erz- herzogthume Österreich unter der Enns nur 16, in Schlesien sogar nur 4, wirklich in die öffentliche Schule gingen *)“. Abgesehen von den nicht in diese Darstellung gehörenden Vor­schlägen des Grafen Kaunitz zur Hebung des österreichischen Gewerbes nnd Handels, sei nur erwähnt, dass derselbe öffentliche Lehranstalten beantragte, und zwar für die Handwerker Zeichnungs­schulen und Curse für Mechanik, zur Bildung der Kaufleute aber Handelsschulen, in welchen die geschicktesten Lehrer, die zu finden seien, angestellt werden sollten, um den Unterricht sowohl theoretisch als praktisch zu ertheilen. Dieser sollte auch beitragen, bei den Ge­werben die „Lehrjahre“, vielmehr „Sclavenjahre“, abzukürzen und dadurch die Thätigkeit zu vermehren. Da die Erfahrung gezeigt hatte, dass jener Theil der Bürger, welcher nur einigermassen zu Vermögen gekommen war, die Söhne nicht dem Gewerbe oder Handel, sondern dem Studium an den Gym­nasien widmete, so sah Graf Kaunitz darin eine grosse Gefahr, die planmässige Hebung des Bürgerstandes scheitern zu sehen2)- Er beantragte darum, nur jenen Bürgersöhnen den Besuch der höheren Lehranstalten zu gestatten, deren Väter in dem nachweisbaren Besitze eines Capitals von mindestens 30.000 fl. seien, betonte aber zugleich, wie er eine solche Massregel vom rein menschlichen Standpunkte nicht billige, dieselbe gleichwohl aus staatlichen Rücksichten wenigstens für den Anfang anrathen müsse3). Den Bauernstand hatten einerseits die zahlreichen Recrutirungen während vieler Generationen vermindert, anderseits lag in den Rural­gesetzen selbst die Unmöglichkeit der Vermehrung des Ackerbau treibenden Theiles der Bevölkerung, welcher den geographischen Ver­hältnissen Österreichs nach, die vorwiegend grösste Zahl bilden musste, um die Haupt3chätze der Länder, die Bodenerzeugnisse, zu heben. Nach des Grafen Kaunitz Ausspruch waren die Bauern in Folge der seitens der Regierung bislang angewendeten Mittel und bei ihren geistigen Eigenschaften am weitesten zurück und bedurften der Für­sorge und des Unterrichtes am meisten. Bei den ganz eigenthümlichen Zuständen blieb die staatliche Einwirkung auf das Volksschulwesen bis zum Jahre 1770 äusserst !) Bericht des Unterrichts-Ministeriums vom Jahre 1873. 2) Diese Gefahr erhebt auch heutzutage wieder drohend ihr Haupt; die ungemein grosse Zahl höherer Bildungsanstalten im Reiche zieht die Jugend des Gewerbestandes mächtig an sich, beraubt diesen seiner besten Kräfte und führt eine weit über den Bedarf gehende Zahl von Competenten dem staatlichen, communalen und grossindustriellen Beamtenwesen, mithin viele „der Studirten“ einer völlig hoff­nungslosen Zukunft entgegen. s) C.-A. Sr. Majestät. Memoire des Grafen Kaunitz.

Next

/
Thumbnails
Contents