Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 2. (1877)
Beiträge zur vaterländischen Geschichte. I. Major Moriz Edlen v. Angeli: Der Friede von Vasvár. Nach den Original-Acten der k. k. Archive
2 Beiträge zur vaterländischen Geschichte. Pflicht heran, dunkel gebliebene Stellen der Geschichte aufzuhellen und irrthümliche Anschauungen an der Hand unanfechtbarer Beweismittel zu berichtigen. Die Geschichtsforschung hat denn auch diesen veränderten Verhältnissen in neuester Zeit das vollste Verständniss entgegengebracht und mit rühriger Hand die Zahl der „historischen“ Fabeln gelichtet. Noch immer aber ist das Feld dieser Thätigkeit nicht erschöpft; die an Einem Punkte entzündete Leuchte wirft nun ihren Schimmer auf andere, bisher unbeachtet gebliebene Stellen und fordert zu neuen Forschungen auf, aus welchen einst — so weit Menschenkräften dies möglich — das streng wahre, logisch gegliederte Werk hervorgehen soll, welches mit unbestrittenem Rechte den Namen „Geschichte“ trägt. Auf dem historischen Gebiete unseres Staates, der, wie kein anderer, vielseitig in das Getriebe der Weltgeschichte eingriff, können historische Unklarheiten umsoweniger fehlen. Wir wollen nun versuchen, derlei geschichtliche Momente, welche unser Vaterland, und zwar vornehmlich in militärischer Beziehung, berühren, auf Grund gewissenhafter archivalischer Forschungen zu erörtern und mit geschichtlicher Treue darzustellen. Ohne uns hinsichtlich der einzelnen Publi- cationen an eine chronologische Folge zu binden, beginnen wir die Reihe mit dem Friedensschlüsse von Vasvár 1664, zwischen Leopold I. und der Pforte. I. Der Friede von Vasvár. Nach den Original-Acten der k. k. Archive, von Major Moriz Edlen von Angeli, des k. k. Kriegs-Archives. Mit einer Karte des Kriegsschauplatzes 1664 in Ungarn. Am 10. August 1664 Unterzeichnete der kaiserliche Resident bei der Pforte, Simon Reninger, im Feldlager bei Vasvár den mit dem Grossvezier auf 20 Jahre vereinbarten Frieden, oder richtiger gesagt, Waffenstillstand, da die Türken nie einen Frieden mit den Ungläubigen schlossen. Unaufgeklärt ihren Ursachen und innerem Zusammenhänge nach, und deshalb schon von Zeitgenossen falsch beurtheilt, steht diese diplomatische Action bis heute noch als ein so dunkler Fleck in unseren heimatlichen Annalen, dass selbst Geschichtswerke von Ruf und Bedeutung die Bezeichnung „schimpflich“ nicht für zu strenge erachten. In den nachfolgenden Blättern sollen nun an der Hand von Original-Documenten die bisher theils unbekannten, theils nicht genügend gewürdigten Verhältnisse, welche zum Frieden führten, und dann dieser selbst seinem Wesen und inneren Werthe nach dargestellt werden. Es möge sodann dem allgemeinen Urtheile überlassen bleiben, ob das abträgliche Verdict, welches bisher auf diesem Abschnitte der Österreichischen Geschichte gelastet, auch fernerhin seine Berechtigung finde.