Militär-Oekonomie-System der kaiserlichen königlichen österreichischen Armee 8. (Wien, 1821)
»ab Auf diese Art reiset die Pest während des Transportes im Zunder, und keimet ihr Gift -an diejenigen aus, welche dergleichen Gewand an den Leib nehmen und tragen. Die Pest richtet ihren Lauf vor allen nach den volkreichsten Ortschaften langS der Hauptstraße, die von einem Orte zum anderen leiten, aus dem Grunde, weil da immer Menschen des Handels und anderer Geschäfte wegen sich aufhalten. Von den ersten Kranken geht sie theils durch die Krankenwärter, theils durch das hin- terlaffene Gewand, oder durch die Ansteckung der Hausgenossen, Angehörigen und Verwandten, welche mit dem Kranken Gemeinschaft gepflogen, oder dessen Kleider geerbet haben , in andere Menschen über; auf diese Weise ergreift sie ein Haus und einen Ort nach dem andern, und dringt so weiter vor. Je mehr sich demnach die Seuche Anfangs auf den Seeküsten ausdehnt, von desto mehreren Seiten breitet sie sich alsdann in den türkischen Provinzen gegen die diesseitigen Gränzen aus. Manchmahl verliert sie sich hier und da, welches besonders im Winter, und zwar aus der Ursache geschieht, weil weniger Menschen reifen, und daher die Gelegenheit zu ihrer Fortpflanzung seltener wird. Die Orte in der Türkey liegen, weil es nicht viele gibt, meistens weit von einander, welches zu ihrem Abnehmen oder Stillstände Vieles beyträgt; hierzu kommt noch, daß dre Pest in jedem Orte, wo sie hinkommt, öfters einige Monathe unter b?n Einwohnern zubringt, bis sie ihren Zunder ausstreuen, zu ihrer Wuth gelangen, und sich weiter verbreiten kann. Fast alle Nachrichten, die man in den diesseitigen Gränzen von der Pest erhält, beziehen sich auf die vergangene Zeit ; die Anherreisenden erzählen fast nichts Anderes, als daß sie vernommen haben, das liebet habe in dieser oder jener Gegend des vergangenen Sommers oder Herbstes graffirt, es habe aber, sitzen sie hinzu, nicht lange angehalten, oder sie sagen, die Pest lasse nunmehr nach, oder sie habe ganz aufgehört. Beydes kann wahr seyn, man muß es aber dabey nicht bewenden lassen, sondern die beste Veranlassung aufsuchen, um hierüber eine nähere Auskunft zu erhalten, und die Entfernung, Nahe, unb das Maß der bevorstehenden Gefahr erforschen, damit man sich darnach richten könne. Die Gefahr ist nahe und dringend, wenn es mit der Plage so weit gekommen ist, daß .die benachbarten Städte und Ortschaften offenbar verpestet sind, wenn mehr Volk, als gewöhnlich, stirbt, und der größte Theil der Kranken innerhalb dreyer oder vier Tage zu Grabe getragen wird. Hat es hiermit seine Richtigkeit, so mögen die Nachrichtgeber das Uebel eine hitzige Krankheit, oder wie immer nennen, es ist gewiß die Pest. Die Menge der neuen Grabstätten verräth die vielen unlängst Verstorbenen. Die Seelsorger besuchen die pesthaften Kranken nur selten, tn der Eile, und mit der größten Vorsicht, und begleiten die Leichenbegängnisse auch nur ferne von der Leiche selbst. Die vornehmeren und wohlhabenderen Einwohner gehen bey der ersten Nachricht von der Seuche aus dem Orte in ihre Weingärten oder Landhäuser, welche in der Ferne liegen, und in welchen sie abgesondert leben können, daher man auch viele leere Wohnungen antrifft. Slinunt das Uebel stark überhand, so flieht auch der größte Theil des gemeinen Volkes in »ie Wälder und Einöden. Obgleich die türkische Regierung gegen die Pest nichts anordnet, so hindert sie doch niemanden, sich vor dem Uebel sicher zu stellen. Die Bewohner der europäischen Türkey sind, wie bekannt, größten Theils Christen, es gibt daher viele Städte, Marktflecken und Dörfer, welche nach ihrer Art Verwahrungs- Anstalten treffen; im Sommer nahmlich übersetzen sie die Kranken oder auch die verpesteten Haushaltungen von dem Ortein aufgeworfene Erdhütten, und lassen sie vom Todtengräber »der von anderen Leuten mit Lebensmitteln versehen; im Winter aber verzäunen sie die verpflegten Wohnungen, oder lassen sie bewachen, daß niemand weder hinaus noch hinein gehen kann. XXXI. Hauptstück. XXI. Abschnitt.