Fülep Lajos levelezése II.

Levelek

bis 14.5. — Wie sehr ich es genossen kann ich nicht schildern, es war mir wie wenn man nach jahrelanger Abwesenheit wieder die geliebte Heimat besucht. Florenz war im Zeichen des Frühlings, überall Glyzinien in dichten Massen, Rosen, überhaupt Blumen, Licht strahlende Sonne, es war einzig. Dann meine langen Spaziergänge n.[ach] Fiesole, die alte Strasse hinauf, dann wieder von Settignano über Vincigliato Fiesole, San Domenico u.[nd] so weiter. Sonnenuntergang von S.[an] Miniato u.[nd] dazu herrliches wundervolles Wetter — wie kann man soetwas beschreiben? Doch Du kennst es ja selbst u.[nd] weisst wie unsagbar schön es ist. Dann bin ich nach Rapallo für 14 läge wo ich selig war wieder im blauen Mittelmeer baden zu kön­nen. Nachmittags bin ich dann zu Fuss in der herrlichen Gegend umhergewandert. Santa Margarita [!] Portofino, manchmal über Ruta bis nach Portofino-Kulm. [?] Dann war ich noch 2 läge in Genova. Dies alles machte ich allein, mit den besche­idensten Geldmittel, nichts destoweniger habe ich es unendlich genossen, genau so wie ich als junges Mädchen diese Passion hatte, zu Fuss, allein herumwandern in der schönen herrlichen Landschaft Italiens, ebenso war es diesmal u.[nd] machte mich restlos glücklich. Und nun kommt eine merkwürdige Fortsetzung. In Genova holte ich eine junge Amerikanerin ab, die mit der „Roma" dort am 28ten gelandet war. Ja nun muss ich einen Augenblick meinen Reisebericht unterbrechen u.[nd] Dir mitte­ilen dass ich am ll.Mai 28 nach Amerika fuhr, dort in einer sehr netten Familie in Cleveland als „governess" war, 100 Dollar monatlich verdiente, leider im December selben Jahres wieder herüber musste da ich als geborene Wienerin keine Einreise als „Immigrant" bekam, sondern nur als Besuch galt u.[nd] keinen längeren Aufent­halt bekam. Was ich in Amerika alles erlebt u.[nd] gesehen, kann ich Dir brieflich nicht mitteilen, das gäbe ein Buch, aber ich hoffe bestimmt wir können uns diesen Sommer sehen, dann will ich mündlich viel ausführlicher beschreiben. Doch nun zu­rück zu meiner jungen Amerikanerin, die eben eine Töchter jener Familie war u.[nd] hauptsächlich nach Europa kam um Hochtouren in der Schweiz zu machen, zuerst aber mit mir meine alte Fusstour (von Bayern nach Italien kannst Du Dich daran erinnern? Du hattest mir M.[ark] 100 dazu gepumpt?) 2 u.[nd] zwar diesmal in umge­kehrter Richtung nämlich Italien — Bayern zu gehen. Ich bin zuerst mit ihr noch in Italien herumgereist, aber nicht lange da sie die Hitze vor allem aber italienische] Küche nicht vertragen konnte. Wir sind dann nach einem längeren Aufenthalte am Como-See direct nach Chiavenna gefahren. Und sie war wundervoll unsere Tbur, unbeschreiblich schön. Und ausserdem auch noch eine tüchtige, körperliche Leis­tung. Wir sind 10 läge marschiert, meist 8 bis 9 Stunden u.[nd] haben an manchen lägen es bis zu 41 Kilometern gebracht Unser Marschtempo war 5 Kilometer in der Stunde. Unser Weg führte von Chiavenna nach StMoritz, Samaden, Scanft, Schuls u.[nd] s.[o] w.[eiter] also Schweiz, Tirol bis nach Garmisch-Partenkirchen. Von dort aus nahmen wir die Bahn, fuhren nach München hielten uns 5 Thge dort auf, fuhren dann d.[as] h.[eisst] wir flogen in einer Stunde nach Inssbruck von wo aus wir unsere 2te Reise machten. Von Inssbruck zu Fuss auf den Brennero (9 Stunden) nächsten Täg über das Schlüssel-Joch (2200 m) u.[nd] s.[o] w[eiter], bis wir dann wieder per Bahn nach Cortina kamen wo ich zum erstenmal die Dolomiten sah. Für mich die 439

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