Miklós Kásler - Zoltán Szentirmay (szerk): Identifizierung der Skelette von Angehörigen des Arpadenhauses in der Matthiaskirche. Unter Verwendung von historischen, archäologischen, anthropologischen, radiologischen, morphologischen, Radiokarbondatierungs- und genetischen Daten (Budapest, 2021)
2. KAPITEL – Historischer Hintergrund
Die Bestattungen in selbst gegründeten Kirchen konnte im Falle der Söhne und Enkel von Vazul die Distanzierung von Stephan I. dem Heiligen bekräftigen. Die Widersprüchlichkeit ihres Verhältnisses zum ersten König äußerte sich auch auf folgende Weise: sie traten zwar als christliche Könige sein Erbe an (sie gestatteten also keine heidnische Restauration), doch konnten sie auf familiärer und persönlicher Ebene nicht vergessen, dass sie von Stephan I. um ihre Ländereien gebracht worden waren und ihr Leben um das Erlebnis der Verstümmelung des Vaters von Andreas und Béla und darüber hinaus ihrer eigenen Verbannung „bereichert“ worden war. Es brauchte Zeit, bis sich die familiäre Erinnerung an den ersten König milderte. Die Versöhnung kam aus politischer Richtung. Als erstes Zeichen dafür ist es anzusehen, dass Ladislaus L, der Enkel von Vazul, Stephan I. 1083 zum Heiligen erklären ließ. Der Nachfolger von Ladislaus I. führte diese Annäherung weiter und setzte sie auch auf familiärer Ebene durch. König Koloman der Buchkundige (1095-1116), Sohn von Géza L, gehörte schon zur nächsten Generation und war als Urenkel von Prinz Vazul der erste, der sich neben Stephan I. bestatten ließ. Es ist ein Rätsel, warum ihm sein Sohn Stephan II. (1116-1131) in dieser Hinsicht nicht folgte, sondern in der Nähe von Ladislaus L, in Nagy várad ruhen wollte. Das ist deshalb sonderbar, da Koloman zur Absicherung des Throns für seinen einzig am Leben gebliebenen Sohn nicht nur seinen ständig rebellierenden Bruder, Prinz Álmos, son dern auch dessen unschuldigen Sohn Béla hatte blenden lassen. In diesem Fall wiederholte sich aber das Schicksal von Stephan L: nicht die Linie des das Blut der Verwandten vergießenden Königs wurde fortsetzt, sondern die Geblendeten waren es, die später zu Urvätern der Könige in der Dynastie wurden. 45