Ljudje ob Muri. Népek a Mura Mentén 2. kötet (Zalaegerszeg, 1998)

Othmar Pickl (Graz): Das Grenzverteidigungssystem gegen die Türken in Ungarn. Nationale Unterschiede in Strategie und Taktik der Osmanen-Abwehr

Othmar PICKL nicht zugestimmt. Dennoch erfolgte anscheinend ohne ausdrückliche Zustimmung Paradeisers und nach dessen Aussage aufgrund der Meuterei der Besatzung am 22. Oktober die Übergabe der Festung an die Türken. Diese erlaubten der Besatzung nach 44tägiger Belagerung den freien Abzug mit Waffen, 100 Fuhrwerken und fliegenden Fahnen. Am 27. Oktober rechtfertigte sich Paradeiser von Radkersburg aus in einem Schreiben an Erzherzog Matthias, dem späteren König, damit, daß eine Rebellion der gemeinen ungarischen und deutschen Knechte die Übergabe erzwungen hätte. 23 Paradeiser und den fuhrenden Befehlshabern wurde ein tendenziöser Prozeß gemacht, dem offenbar die von katholischer Seite verbreitete Beschuldigung zugrundelag, Paradeiser habe als Protestant bewußt Verrat begangen. Den Rechtfertigungen Paradeisers in diesem Prozeß ist zu entnehmen, daß er tatsächlich beim Abzug der Besatzung die Ochsen von zwei Wagen aus-spannen ließ, auf denen verwundete und kranke Knechte mitgenommen werden sollten, um die Zugtiere für seine eigenen Fahrzeuge verwenden zu lassen. Auch durch das herzerweichende Schreien und Weinen der im Stich Gelassenen habe er sich davon nicht abhalten lassen, und die Verwundeten damit der türkischen Gefangenschaft und Willkür ausgeliefert. 24 Zwar steht fest, daß Paradeiser mit einer so geringen Besatzung und zu wenig Munition die schlecht verwahrte Festung Kanischa gegen den türkischen Großangriff nicht hätte halten können. Seine Verurteilung und schließliche Hinrichtung am 19. Oktober 1601 scheint uns jedoch durch das Zurücklassen der Verwundeten nicht nur verständlich, sondern auch gerechtfertigt, wenngleich der Prozeß gegen ihn nicht korrekt geführt worden sein dürfte. Durch die Kapitulation Kanischas war die Steiermark nunmehr so gefährdet, daß Erz­herzog Ferdinand im Jahre 1601 die zur Rückgewinnung Kanischas herangeführten Truppen persönlich ins Feld führte. Er verpflichtete dadurch nämlich den Adel zum „persönlichen Zuzug". Die versuchte Rückeroberung Kanischas durch das ca. 27.000 Mann starke christliche Heer scheiterte etwa zum Zeitpunkt der Hinrichtung Paradeisers. Mitte November 1601 mußte das christliche Heer unter Verlust aller Geschütze, 14.000 Gewehre und sogar des Zeltes des Erzherzogs abziehen. Sein Silbergeschirr und seine Kutschen fielen ebenso in die Hände der Türken wie tausende Verwundete und Kranke. Diese wurden nun unter dem Kommando des Erzherzogs ebenso zurückgelassen wie dies Paradeiser ein Jahr zuvor getan und dafür mit dem Leben gebüßt hatte. Die Zeitgenossen empfanden die erlittene Schlappe als eine der schwersten Niederlagen der Christenheit. 25 Wenn wir einen Vergleich zwischen der heldenhaften Verteidigung der Festung Szigedvar im Jahre 1566 unter der Führung von Miklós Zrínyi und den Kapitulationen von Babocsa und Kanischa im Jahre 1600 anstellen, ist meines Erachtens folgendes zu beachten: Während des gerade im Gange befindlichen „langen Türkenkrieges" von 1593 bis 1606, war 1594 bereits die Festung Raab/Győr durch freien Abzug der kaiserlichen Besatzung an die Türken gefallen. Die Besatzung von Kanischa hatte also 1600 zwischen sinnlosem Ausharren bis zum Ende oder der Kapitulation unter den günstigen Bedingungen des freien Abzugs zu wählen. Für die schlecht besoldete Besatzung der Festung Kanischa, die sich schon vor der Belagerung vom Wiener Hofkriegsrat verraten gefühlt haben mußte, weil dieser ihnen den Sold monatelang schuldig geblieben war, war die Entscheidung offensichtlich nicht schwer. Sie entschieden sich für das Leben. 186

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