Veszprémi Történelmi Tár 1989. II.

Régészet - Ertel, Christine: Spätrömische Kopfkapitelle im Lapidarium von Tihany

42 REGESZET CHRISTINE ERTEL SPÄTRÖMISCHE KOPFKAPITELLE IM LAPIDARIUM VON TIHANY Vom 14. bis zum 21. 9. 1986 fand in Bad Deutsch—Altenburg, Öster­reich, der 14. Internationale Limes­kongreß statt. Zu diesem Anlaß hielt ich einen Vortrag mit dem Thema: korinthische Kapitelle aus panno­nischen Limesorten", dessen Ergeb­nisse der folgende Aufsatz mit be­sonderer Berücksichtigung einiger Kapitelle im Lapidarium von Tihany wiedergibt. Zugleich möchte ich an dieser Stelle meine tiefe Dankbar­keit ausdrücken für die freundliche und tatkräftige Unterstützung, die meine Arbeiten über die römische Architektur in der Provinz Panno­nién zu jeder Zeit und überall in Ungarn begleitet. Ich danke auch besonders dafür, daß ich hier zum ersten Mal einen Beitrag in einer ungarischen Fachzeitschrift veröf­fentlichen darf. Es ist ziemlich schwierig, sich Zugang zum Wesen der spätrö­mischen Architektur in den Provin­zen zu verschaffen. Auch in unserer Provinz Pannonién wurden uns die erhaltenen Denkmäler häufig ohne Kommentar überliefert. Teilweise handelt es sich um Oberflächen­funde, die oft nur mit Mühe einer bestimmten römischen Ansiedlung, aber fast nie einem bestimmten Gebäude zugewiesen werden können. Dies gilt auch für unsere Beispiele in Tihany. Die alten Inventarbücher des Museum Carnuntinum geben den Fundort der meisten dort verwahr­ten Architekturstücke mit der lapi­daren Auskunft „Carnuntum" an. Während die Versäumnisse der frühe­ren Zeit durch die noch wenig ent­wickelten Methoden der jungen Wis­senschaft erklärt werden können, muß man gegen eine im Raum Car­nuntum trotz des 1987 erwirkten Verbots noch immer gebräuchliche landwirtschaftliche" Maßnahme, das Pflügen bis zu einer Tiefe von 0,80 m, schärfste Anklage erheben. Auf diese brutale Art und Weise sind in den letzten 20 Jahren eine beträchtliche Anzahl von steindenk­mälern, darunter auch unser Beispiel Abb. 4, zu Tage gefordert und meist gleichzeitig schwer beschädigt wor­den. Ein Großteil der römischen Archi­tekturteile in Pannonién hat also den Zusammenhang mit Ort und Zeit ihrer Entstehung verloren und damit zugleich einen Teil ihrer Iden­tität. Wenn nun auch noch die äußere Erscheinungsform der Stücke die Verwandtschaft mit den gewohn­ten Formen der „klassischen" römi­schen Architektur nur mehr bedingt erkennen läßt, ist Tür und Tor ge­öffnet für mißverständliche Interpre­tationen jeder Art. Wie die gesamte provinzialrömische Kunst trifft die spätrömische Architektur im beson­deren das ästhetizistische Vorurteil, das sich aus der Kunstbetrachtung des 19. Jhs. erhalten hat. Eine grund­legende Verwechslung von formalen und qualitativen Aussagewerten liegt noch heute unserer unreflektierten Anschauungsweise zugrunde. Man ist übereingekommen, daß z. B. die aus­gusteische Architektur „schön" ist, natürlich ist die römische Architek­tur in Pannonién nicht so schön. Aus diesem meist unbewußten Ge­fühl heraus erhält die Beschreibung provinzialrömischer Architektur fast automatisch einen pejorativen Cha­rakter mit Ausdrücken wie „er­starrt", „vergröbert", „vereinfacht", „barbarisch", „primitiv". 1 Das bloße Faktum des Abweichens von einem Vorbild wird negativ registriert. Der Versuch, provinzielle rö­mische Kapitelle mit stadtrömischer Architektur zu vergleichen, ist in einigen Fällen möglich, bei einer ganzen Reihe von Stücken, zu denen auch die hier besprochenen zählen, von vornherein zum Scheitern verur­teilt. Ihr Eigencharakter überwiegt so stark, daß man sie nur miteinander, aber kaum mit fremden Stücken in Verbindung bringen kann. So urteilt man auch gerechter und an­gemessener. Trotz der alten Forderung Ham­pels aus dem Jahre 1911, der eine gründlichere Untersuchung der pro­vinzialrömischen Architektur forder­te , weil ihm die von Rom und Klein­asien beherrschten Erkenntnisse un­vollständig erschienen 2 , und Scho­bers, der 1930 das „Walten eines selbständigen Gestaltungsprinzipes" 3 anerkannte, das es „herauszuschä­len" gelte, sind umfangreichere Ver­suche in dieser Richtung erst in der letzten Zeit entstanden 4 . Ich versuchte in meiner Dissertation an der Technischen Universität Wien, die Entwicklung der spätrömischen korinthischen Kapitelle in Pannonién darzustellen 5 und ihren Eigencharak­ter zu erfassen. Spätestens in severischer Zeit, die mit ihrer regen Bautätigkeit vielerlei Gelegenheit für die Baumeister und Steinmetzen zu verschiedensten Tä­tigkeiten bot, wird deutlich, daß ne­ben der „offiziellen" korinthischen Normalform, die seit dem 2. Jh. n. Chr. in repräsentativem Rahmen und an politischen Brennpunkten, wie z.B. Zentren des Kaiserkults, städti­schen Forums- und Kapitolsanla­gen 6 getreu den stadtrömischen Re­geln und sogar den Vorschriften Vitruvs ausgeführt wurden, eine ganze Reihe anderer, eigenwilliger Kapitellformen existiert. Es kann nicht die Rede sein von einem einheitlichen Entwicklungs­gang im Sinne einer allmählichen Vereinfachung, wie man geneigt wäre anzunehmen und wie man andernorts glaubte, nachweisen zu können. 7 Vielmehr beweisen datierte Beispile, daß neben Kapitellen mit vollstän­digem korinthischen Apparat gleich­zeitig auch sehr einfache Blattkapi­telle hergestellt wurden. Das Kapitell Abb. 1 entstand im Zuge des severischen Umbaus des Forums der Zivilstadt von Aquin­cum. Es hat kräftige Voluten mit weit herausgedrehten Schnecken, ei­nen stark geschwungenen Abakus und deutlichen Kalathosrand, aber — so weit auf der Ergänzung sicht­bar — keine Caules und Helices. Die inneren Kelchblätter biegen sich als glatte Zungen einander leicht zu, hinter ihnen beginnen die Voluten. Trotz der leichten Reduktion des korinthischen Normalaufbaus ist die Wirkung des Kapitells im Sinne der traditionellen Formsprache außeror­dentlich überzeugend. In völlig anderer Weise präsentiert sich das Kapitell Abb. 2. Auf dem Abakus ist der Konsul Valerius Comazon inschriftlich erwähnt, so­daß das Kapitell exakt in das Jahr 220 * trotz des 1987 erwirkten Verbots noch immer

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