Balassa Iván – Kaposvári Gyula – Selmeczi László szerk.: Szolnok Megyei Múzeumi Évkönyv (1973)
Dorogi Márton: Sárréti és nagykunsági adatok a kacagány viseletről
ANGABEN AUS DEM SÁRRÉT (GROSSE UNGARISCHE TIEFEBENE) UND GROSSKUMANIENS ZUM ÜBERWURFSFELL Das den Körper bedeckende oder über die Schulter geworfene, abgezogene Fell bot dem Menschen primären Schutz gegen die Kälte. Das auf dem Rücken oder am Nacken getragene — im allgemeinen in seiner natürlichen Form belassene — wollige Fell wird Üb er wurfsfeil, d. h. in der Volkssprache Rückenfell (hátibőr) genannt. Es war auch bei den Ungarn seit ältester Zeit ein beliebtes Kleidungsstück. Während die adlige Herrscherklasse ihr Überwurfsfell aus dem Fell des Edelwildes (Panther, Tiger) anfertigen liess, stellten die ärmeren Volksklassen das ihre aus dem gekräuselten Fell des schwarzen Schafes, seltener Wolfes oder Dachses her. Als Soldatentracht verschwand das Überwurfsfell zu Anfang des 18. Jahrhunderts. Bei dem Volk lebte es aber bis Ende des 19. Jahrhunderts weiter. Diese Studie befasst sich mit dem Überwurfsfell als Bestandteil der Volkstracht. Sie bespricht seine verschiedenen Formen und Herstellungsarten aufgrund zeitgenössischer Aufzeichnungen, Abbildungen und der Aussagen solcher Gewährsleute, die es noch kannten. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts diente das unverzierte, kaum bearbeitete Rückenfell dem armen Volk als Kleidungsstück des Alltages. Die stolzen Hirten und die wohlhabenden Bauernburschen trugen — als Erbe der Kurutzen und Haiducken — Überwurfsfelle aus schwarzem Schaf- oder Wolfsfell, an welchem die Pfoten mit den Klauen und der zottelige Schwanz zumeist belassen wurde (Abb. 8, 10). Am Hals befestigte man es mit den Vorderpfoten oder einer reichverzierten Spange. Dieses Rückenfell war das Zeichen des Stolzes und der Eitelkeit (Ziererei) und die über die guten Sitten wachenden Verordnungen verboten streng seinen Gebrauch als Gegenstand der Ziererei. Neben diesen, die Eitelkeit bezeugenden Überwurfsfellen existierten noch einfache, nicht zugeschnittene Überwurfsfelle bzw. Rückenfälle aus weissem Schaffell. Sie wurden von frierenden Hirten und ärmeren Dorfbewohnern getragen. Ihre Verfertiger waren die Schafhirten, doch auch die Bauern konnten sie aus ungewaschenem und oft nicht gegerbtem, aber ein wenig gebrochenem, geweichtem Fell herstellen. Die anspruchsvolleren reicheren Bauern liessen sie von Kürschnern aus bearbeitetem, gekräuseltem Schaf- oder Dachsfell anfertigen. Sie wurden eingesäumt, gefüttert, einige liess man sogar besticken. Die Vorderpfoten wurden als Schlaufen zum Binden darangelassen, manchmal sogar der halbe Schwanz. Auch Frauen trugen das Überwurfsfell. Seine Mode bestand bis Ende des 19. Jahrhunderts. Die mit dem Überwurfsfell bzw. Rückenfell verwandten Kleidungsstücke: 1. Vorderfell (elejbőr) oder Brustfell (mellybőr); es ist das entsprechende, vordere Paar des Rückenfells, welches an der Schulter mit den Pfoten zusammengebunden wurde (Abb. 13). 2. Brustfell (mellybőr oder mejjedző) nannte man auch aus Fell angefertigte Kleidungsstücke, die nur die Brust bedeckten und bis zum Gürtel reichten. Sie wurden mit an den Schultern und am Gürtel genähten Bändern befestigt (Abb. 14—16). 3. Das Kleidungsstück aus Vorder- und Rückenfell eines Schafes, an der rechten Schulter und Seite zusammengenäht, an der linken Schulter und Seite mit Riemen oder Knöpfen versehen, nannte man derékravaló oder mellyes ('Abb. 17—21). 4. Das ungewaschene Leibchen (mosatlan puszii) ist eine Variante des mit den Pfoten zusammengebundenen Brust- und Rückenfells (Abb. 23—24). 5. Die Pelzhose (nadrágködmön) wurde auch am Vorder- und Rückenfell geknöpft und mit den Pfoten an die Schenkel befestigt. Der Schwanz wurde zwischen die Beine nach vorne genommen, angeknöpft und somit auch unten geschlossen (Abb. 25—26). Das Überwurfsfell bzw. Rückenfell wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts infolge des Wandels der Lebensweise immer mehr anachronistisch und unmodern. 148