Fülöp Gyula (szerk.): Festschrift für Jenő Fitz - Szent István Király Múzeum közleményei. B. sorozat 47. (Székesfehérvár, 1996)

T. Pekáry: Bevölkerungsrückgang im Römiscen Kaiserreich? zu Aussagen Antiker Autoren

JENŐ FITZ SEPTUAGENARIO T. Pekáry BEVÖLKERUNGSRÜCKGANG IM RÖMISCHEN KAISERREICH? ZU AUSSAGEN ANTIKER AUTOREN. Die These, daß die Entvölkerung des Reiches eine der Haupt­ursachen für den Fall Roms gewesen sei, fand und findet viele Anhänger. Zahlreiche antike Autoren beklagten bereits seit der Zeit der Republik einen - angeblichen oder wirklichen - Bevöl­kerungsrückgang; seit J. Bodin im 16. und Montesquieu im 18. Jh. wurde immer wieder auf die Bedeutung dieses Phäno­mens hingewiesen11’. In der neueren Forschung beeindruckte besonders die vielzitierte Arbeit von A. E. R. Boak1 (2), ob­wohl die ausführliche Kritik von M. I. Finley zahlreiche methodische Schwächen aufdeckte(3). Trotzdem fehlt in fast keiner neueren Arbeit ein Hinweis auf Bevölkerungsschwund als Krisenursache; eine Aufzählung einschlägiger Arbeiten erübrigt sich wohl. Bekanntlich fehlen uns aus der Antike bevölkerungsstatisti­sche Angaben; die römischen Zensuszahlen dürfen in diesem Zusammenhang aus verschiedenen Gründen außer Acht gelas­sen werden. Wir müssen uns weitgehend auf zerstreute schriftli­che Hinweise stützen, ferner auf die Ergebnisse der Bodenar­chäologie, die schrumpfende oder verlassene Siedlungen, aufge­gebene Friedhöfe oder Villen freilegt oder auf den Rückgang des Geldumlaufes aufmerksam macht. Im folgenden soll im wesent­lichen eine Auswahl antiker Schriftquellen herangezogen und auf ihre Aussagekraft hin durchleuchtet werden. Wie gesagt: eine Auswahl. Vollständigkeit ist nicht angestrebt worden. Zunächst soll festgehalten werden, daß Klagen über Bevölke­rungsschwund nicht erst in der Spätantike auftauchen. Livius berichtet wiederholt über die Folgen des hannibalischen Krieges in Italien14’. Derselbe Livius behauptet, der Censor des Jahres 131 V. Chr. habe gefordert, daß alle heiraten sollten, um Kinder zu erzeugen, und daß Augustus noch auf diese Rede zurückgriff, als er seine Ehegesetze vorschlug: Q. Metellus censor censuit, ut cogerentur omnes ducere uxores liberorum creandorum causa. Extat oratio eius, quam Augustus Caesar, cum de maritandis ordinibus ageret, velut in haec tempora scriptam in senatu reci­­tavit151. Häufig zitiert wird auch die Notiz bei Plutarch, Tiberius Gracchus habe in Etrurien verlassene Felder und höchstens Sklaven gefunden, die dort noch arbeiteten161. In einer Weihin­schrift, die zur Zeit des älteren Plinius offenbar noch vorhanden war, behauptete Pompeius, in 30 Jahren Krieg 12 183 000 Fein­de getötet, in die Flucht geschlagen oder unterworfen zu ha­­ben(7). Solche Zahlen sind selbstverständlich weitgehend unzu­verlässig. Feldherren haben bei der Zahl der von ihnen getöteten Feinde immer zu hoch gegriffen, und ich zweifle daran, ob überhaupt gezählt wurde. Wie wenig zuverlässig solche Zahlen sind, illustrieren die überlieferten Angaben über die von Caesar in seinen Kriegen getöteten Feinde. Nach Velleius Paterculus sind es über 400 000, nach Plutarch eine Million, und nach Plinius genau 1 192 000, wobei letzterer noch hinzufügt, die in den Bürgerkriegen getöteten seien nicht mitgezählt181. Dieses letzte Beispiel zeigt besonders eindrucksvoll, wie unzu­verlässig antike Angaben sein können. Kriege oder Seuchen haben selbstverständlich Menschenleben gefordert. Doch wel­cher Prozentsatz der Bevölkerung betroffen wurde, ist in keinem Fall bekannt (vgl. weiter unten). Ebensowenig wissen wir, wie schnell sich eine dezimierte Bevölkerung wieder erholt hat, wo­rauf u. a. Finley nachdrücklich hinweist191. Auch aus dem 1. Jh. n. gibt es Nachrichten von verlassenen Gebieten. Bei Seneca lesen wir: aspice solitudines per multa milia sine habitatore desertas110’. Nero soll in der Umgebung von Tarent und Antium wegen ‘infrequentiae locorum’ Vetera­nen angesiedelt haben, die jedoch bald in die Provinzen zurück­gekehrt sind, in denen sie gedient und wo sie sich offenbar zuhause gefühlt haben1111. Natürlich ist diese zufällig überliefer­te Angabe, in der Tacitus wohl auf die Mentalität des Militärs hinweisen wollte, kein Beweis für einen Bevölkerungsschwund Italiens. Auch die zerstreuten Hinweise auf Seuchen unter Nero in Kampanien112’ und unter Titus in Italien 1131 sind keine relevanten Angaben. Über die Zahl der Toten erfahren wir nichts. Ungleich größere Bedeutung wird den Aussagen von Plutarch beigemessen. In seiner Schrift ‘de defectu oraculorum’114' be­hauptet der aus Griechenland stammende und das Land gut kennende Schriftsteller, die Orakel seien größtenteils deshalb verstummt, weil die Bevölkerungszahl stark zurückgegangen ist. Es gibt eben keine Leute mehr, die die Orakel befragen wollen; dort, wo früher blühende Siedlungen lagen, treffe man heute (1) A. Demandt, Der Fall Roms. Die Auflösung des römischen Reiches im Urteil der Nachwelt, 1984, 352 ff. (2) A. E. R. Boak, Manpower Shortage and the Fall of the Roman Empire in the West, 1955. (3) M. I. Finley, JRS 48,1958,156-164; deutsch in: K. Christ (hrsg.), Der Untergang des römischen Reiches, 1970, 368-395. (4) P. A. Brunt, Italian Manpower 225 B. C.-A. D. 14, 1971, 271 f. (5) Liv. per. 59. (6) Plut. Ti. Gracch. 8, 7. (7) Plin. nat. hist. VII, 97. (8) Veil. Pat. II, 47; Plut. Caes. 15; Plut. Pomp. 67; Plin. nat. hist. VII, 92. (9) Vgl. oben, Anm. 3. (10) Seneca, de ira I, 2, 2. (11) Tac. ann. 14, 27, 2. (12) Tac. ann. 16, 13, 1-2. (13) Suet. Tit. 8, 3. (14) Plut. Mór. 409 E ff. 81

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